First-of-its-kind heart transplant surgery in the US

© EPA / University of Maryland School of Medicine (UMSOM) / HANDOUT

Leitartikel
01/11/2022

Von Tieren und Menschen

Eine medizinische Sensationsmeldung aus den USA berührt grundlegende Fragen des Verhältnisses zwischen Mensch und Tier.

von Rudolf Mitlöhner

Es ist eine Erfolgsmeldung, die viele vermutlich dennoch eigentümlich berührt: die Nachricht von der erfolgreichen Transplantation eines Schweineherzens in einen Menschen.

„Ich weiß, es ist ein Schuss ins Dunkel, aber es ist meine letzte Chance“, sagte der 57-jährige US-amerikanische Patient. Und die meisten Menschen in seiner Situation würden sich vermutlich ähnlich äußern. Umfragen zeigen, dass die Bereitschaft zu einer Xenotransplantation (von Tier zu Mensch) mit zunehmendem Alter im Allgemeinen und persönlicher Betroffenheit (schwere Erkrankung) steigt.

In dem Thema bündelt sich exemplarisch das ganze hochkomplexe und widersprüchliche Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Radikale tierethische Positionen lehnen jede Nutzung von (höheren) Tieren zugunsten des Menschen ab. Dahinter steht die Auffassung, dass es zwischen Mensch und Tier nur graduelle, aber keine wesensmäßigen Unterschiede gebe. Eine in seiner Würde begründete Vorrangstellung des Menschen gegenüber den Tieren gilt in dieser Sicht (analog zu Sexismus, Rassismus etc.) als Speziesismus (angemaßte Überlegenheit einer Art/Spezies).

Demgegenüber steht die aus der jüdisch-christlichen Tradition und der Aufklärung gespeiste Position eines besonderen Status des Menschen gegenüber der tierischen Welt. Diese bedeutet freilich keinen Freibrief für uneingeschränkte Ausbeutung der nichtmenschlichen Natur. Aber sie lässt – unter bestimmten, jeweils zu definierenden ethischen Kriterien – deren Nutzung zugunsten des Menschen zu. Wenn es demnach zulässig ist, Tiere für den Verzehr zu halten, dann ist auch ihre Nutzung zu Forschungs- oder medizinischen Zwecken zulässig.

Die nun durchgeführte Transplantation bedeutet jedenfalls Hoffnung für weltweit zahllose auf Spenderorgane angewiesene Patienten. „Das war eine bahnbrechende Operation, die uns einen Schritt näher bringt, die Krise des Organmangels zu lösen“, erklärte der Chirurg. Auch wenn viele medizinische Fragen noch offen sind: „Es dauert lange, bis eine Therapie wie diese ausgereift ist“, so ein Transplantationsmediziner.

Es gibt aber noch ein weiteres Unbehagen neben dem tierethischen: jenes bezüglich einer „Vermischung“ von Tier und Mensch. „Nun, werde ich grunzen?“, soll der Patient gefragt haben. Das deutet anekdotisch auf eine ernsthafte und berechtigte Sorge hin. Problematisch wird es dort, wo genetische Mischwesen (Chimären) erzeugt werden (wie dies bereits bei Affe-Mensch-Embryonen geschehen ist), wodurch letztlich die fundamentale Differenz zwischen Tier und Mensch nivelliert wird. Darum geht es freilich bei der Xenotransplantation definitiv nicht. Möge sich der „Schuss ins Dunkel“ gelohnt haben!

mitloehner.jpg

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.