© APA/AFP/JIM WATSON

Leitartikel
11/02/2020

US-Wahl: Die beklemmende Ruhe danach

Wenn die Hysterie vorbei ist und mit Biden der Favorit gewinnt, stehen die USA und wir immer noch vor den gleichen Problemen

von Konrad Kramar

Aufgekratzte Trump-Fans blockieren Stadteinfahrten, Heerscharen von Winkeladvokaten versuchen mit allen juristischen Tricks das Zählen von Stimmen zu blockieren oder deren Gültigkeit in Frage zu stellen, Nachrichtensender fungieren nur noch als Propagandamaschine jeweils einer Seite. Wer in den letzten Tagen im Gespräch mit Amerikanern den 4. November, also den Tag, an dem diese Wahl zumindest einmal abgewickelt ist, herbeisehnte, bekam sehr oft sehr deutlichen Zuspruch.

Dieser US-Wahlkampf hat eines auf beklemmende Weise demonstriert: wie aufgeheizt die Stimmung in weiten Teilen dieses Landes nach vier Jahren Trump ist. Die Spaltung der US-Gesellschaft in Liberale und Konservative, in Stadt und Land, in Arm und Reich beklagt man ja hier seit vielen Jahren. Unter Trump aber sind Unversöhnlichkeit und gegenseitiges Misstrauen dazugekommen. Argumente zählen nicht mehr, da man den Fakten, die die Gegenseite anführt, ohnehin kein Vertrauen mehr schenkt, sie als Fake News abtut.

Seit Wochen sagen sämtliche Umfragen und ein Großteil der Experten einen Sieg Joe Bidens voraus. Wenn also der 78-Jährige im kommenden Jänner seinen Amtseid ablegt, wird viel von dieser jetzt überbordenden Hysterie verklungen sein. Der Ex-Vizepräsident, der im Wahlkampf vor allem einmal dadurch punkten konnte, dass er nicht Donald Trump ist, und ansonsten nicht weiter auffiel, wird dann schon die Eckpunkte seines politischen Kurses einigermaßen bestimmt haben.

Überraschungen sind da nicht zu erwarten. Biden ist immer für einen moderaten Kurs gestanden, innen- wie außenpolitisch. Die Forderungen der prominenten Parteilinken wie Bernie Sanders hat er zwar akzeptiert, aber nur um seine Zugeständnisse in der Hitze des Wahlkampf-Gefechtes auch gleich wieder zu relativieren. So war das angepeilte Verbot von Erdgas-Fracking vom Tisch, sobald Trump das als Arbeitsplatz-Killer brandmarkte. Auch die zu Beginn des Wahlkampfs propagierten Steuererhöhungen wurden inzwischen bis zur Unkenntlichkeit zusammengestutzt.

Im Kampf gegen die Pandemie würde Biden zwar auf Trumps große Sprüche und sinnlose Attacken gegen Experten verzichten. Doch die chronische Uneinigkeit zwischen den Bundesstaaten und der Zentralregierung in Washington würde sich trotzdem fortsetzen – und damit auch das Maske-auf-Maske-ab-, Wirtschaft-offen-Wirtschaft-zu-Spiel. Vom Handelsstreit mit China bis zum Konflikt mit Europa über dessen mangelnde militärische Fähigkeiten: Wo Trump tobte, würde Biden wohl abwägen, Kompromisse suchen. Ob wir damit in einer Welt, in der viele Fronten längst verhärtet sind, den notwendigen Lösungen näherkommen? Man darf gespannt sein – viel mehr aber noch skeptisch.

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