US-Präsident Donald Trump

© APA/AFP/BRENDAN SMIALOWSKI

Kommentar
08/28/2020

Trump: Der Cowboy mit den starken Einzeilern

Der US-Präsident setzt auch in seinem zweiten Wahlkampf auf simple Botschaften, ob die wahr oder falsch sind - wen kümmert's.

von Konrad Kramar

Er hatte kaum ausgesprochen und die Fans, die man dicht in den Garten des Weißen Hauses gepackt hatte, jubelten noch brav, da hatten die TV-Analytiker auf CNN und in der New York Times schon ihre Faktenchecks parat. Donald Trumps Rede zum Abschluss des Republikaner-Parteitags sei mit Lügen, Halbwahrheiten und haarsträubenden Angebereien gespickt gewesen: Von der Grenzmauer, die nicht einmal annähernd so weit gebaut sei wie behauptet, über die haltlose Anschuldigung, die Demokraten würden die Polizei kaputtsparen bis zum völlig entgleisten Vergleich, den der Präsident von sich mit Abraham Lincoln angestellt hatte ("Keiner hat seit Lincoln so viel für die Afroamerikaner getan wie ich").

Unwahr: Selbstverständlich 

Die Feststellung, dass Trump mit Halbwahrheiten operiert, ist - auch wenn sie solide mit Fakten untermauert ist - ungefähr so überraschend, wie dass auch diesmal seine Krawatte zu lang war.

Der ehemalige Reality-TV-Star hat auf Wahrheit und Ehrlichkeit nie viel gegeben, davon können ehemalige Geschäftspartner ebenso ein Lied singen wie wohl die Mitglieder des Senatsauschusses, die erst vor wenigen Tagen deutlich wie nie festgestellt haben, dass der Präsident und seine Vertrauten in der Russland-Affäre ständig haarscharf an blanken Lügen vorbeischrammten. Wieso aber kümmert das zumindest Trumps treue Stammwähler nicht im mindesten?

Eine Vorliebe für Desperados

Amerika hat seit der Eroberung des Westens immer schon eine Vorliebe für Cowboys mit keineswegs weißer Weste gehabt. Der Desperado - oder nennen wir ihn ruhig Gesetzesbrecher - der sich, auch weil der nächste Richter und die Armee ein paar hundert Meilen weit weg sind, sein eigenes Recht schafft, ist ein Heldenmythos, der so tief in den Amerikanern verankert ist, wie in vielen Österreichern der vom gütigen Landesvater auf dem Kaiserthron. Und dieser Desperado, wie ihn Humphrey Bogarth, Clint Eastwood und Robert Mitchum auf der Kinoleinwand verkörperten, ist obendrein meist kein Mann der vielen Worte, sondern der wuchtigen Einzeiler, die im Moment der schlimmsten Krise, aber auch des Triumphs in den Raum gestellt werden. Trumps Einzeiler sind genauso eingängig, genauso schwergewichtig und genauso halbwahr - und deshalb treffen sie so viele Amerikaner genau an ihrer schwachen Stelle.

Rollenspiele    

US-Wahlkämpfe sind mehr als im Rest der westlichen Welt auch Rollenspiele. Es geht darum, in einem Drama die tragende Rolle zu besetzen - und in dieser Kunst ist Trump ein Meister, einfach weil die Selbstinszenierung seine ureigenste Wesenseigenschaft ist. Schon in seinem ersten Wahlkampf hatte sich der New Yorker als der Außenseiter und einsame Krieger positioniert, der gegen ein böses System, das das eigene Volk unterdrückt, ankämpft. Das war für einen Multimilionär und Mehrfach-Bankrotteur bereits damals eigentlich haarsträubend, aber funktionierte blendend, auch weil es Trump gelang, seiner blassen Gegnerin Hillary Clinton, die Rolle der bösen Hexe zuzuweisen, die eigentlich hinter Gitter gehört ("Lock her up").

Zum Bürgerkrieg hochgejazzt

Die zum Bürgerkrieg hochgejazzten Unruhen in vielen US-Städten geben ihm jetzt die Möglichkeit, den Retter zu mimen, der seine Landsleute vor dem schwarzen Mob schützt - auch das übrigens seit dem Kampf um Bürgerrechte in den 1960ern ein gut verankerter amerikanischer Mythos. Und wieder steht ihm mit Joe Biden ein Demokrat gegenüber, dessen größte Schwäche die eigene Farblosigkeit ist. Damit kann ihm Trump - so wie Clinton 2016 - eine Rolle zuschreiben, etwa die der entscheidungsschwachen Schlafmütze in den Händen der Linken. Wir haben noch fast 70 Tage bis zur Wahl und auch wenn die Umfragen derzeit für Trump übel aussehen. Er hat trotzdem noch ein paar gute Karten in der Hinterhand und - wie all die amerikanischen Leinwandhelden - weiß er ziemlich gut, wann er sie spielt.

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