Black Mortar board Isolated On White

© Getty Images/iStockphoto / Baris-Ozer/iStockphoto

Leitartikel
01/11/2021

Titelsüchtig

Eine höhere Akademikerquote galt als wichtiges Ziel der Bildungspolitik. Aber jetzt ist es Zeit, auf Qualität statt auf Quantität zu setzen

von Martina Salomon

Österreich war schon immer ein titelsüchtiges Land. Um das festzustellen, braucht man nur über den Zentralfriedhof zu spazieren, wo auch viele „Hofratswitwen“ oder „Gastwirts-Gattinnen“ ihre letzten Ruhestätten gefunden haben. (Gibt es eigentlich noch ein anderes Land, wo sogar der Ehepartner vom Titel profitiert?)

Ein fehlender akademischer Abschluss sorgt vor allem in der Politik – aber nicht nur dort – für Häme. Sebastian Kurz und Werner Faymann können ein Lied davon singen (und es ist nicht „Gaudeamus igitur“). Viele Jahre galt daher das von der OECD vorgegebene Mantra: Die Akademikerquote muss erhöht werden. Das begann übrigens in einer Zeit, als ein Schulabschluss noch gewährleistete, die Unterrichtsziele erreicht zu haben. Und es waren die Jahre, die noch nicht vom Facharbeitermangel geprägt waren.

Jetzt haben wir den (Titel-)Salat: Die Akademikerquote liegt mit 34 Prozent zwar schon fast im OECD-Schnitt (39 Prozent), aber keiner kennt sich mehr aus, welchen Wert welcher Abschluss hat. Wir haben sehr viele Juristen, Kommunikationswissenschaftler und Politologen, aber zu wenige Installateure, Tischler oder Dachdecker. So viel zur Weisheit der akademischen Bildungsplaner. Der (wortwörtliche) Fall der Ex-Ministerin Aschbacher, die mit ihrer wundersamen Umdeutung der „Seepocken“ in die Geschichte eingeht, wirft ein grelles Schlaglicht auf die Niederungen der höheren Bildung. Mit Geld lässt sich sogar ein wohlklingender akademischer Abschluss erwerben, immer mehr (Privat-)Universitäten in aller Welt haben sich darauf spezialisiert.

Aber auch die anerkannten Fachhochschulen und Universitäten sind vom akademischen Geist nicht mehr ganz so umweht, wie es sein sollte. Etliche Studienrichtungen sind dermaßen überlaufen, dass immer mehr (Pseudo-)Arbeiten zu immer engeren Spezialgebieten produziert und – offensichtlich mangelhaft – abgenommen werden. Corona, so steht zu befürchten, könnte die Abwärtsspirale mancherorts noch einmal beschleunigt haben. Nun gab es also wieder einen spektakulären Rücktritt in der Politik. Natürlich finden sich dort die beliebtesten „Abschussobjekte“. Sie sind aber nur die Spitze eines Eisbergs.

Und wo bleiben eigentlich die Konsequenzen für die Doktorväter (und -mütter) sowie für das jeweilige Institut? Die Arbeiten werden von den Betreuern nicht gelesen, kritisierte der „Plagiatsjäger“ Stefan Weber in einem am Montag erschienenen KURIER-Interview provokant. Nun ist zwar auch Weber in der Wissenschafts-Community nicht unumstritten. Aber offenbar ist es wirklich an der Zeit, nach der Quantität endlich wieder auf inhaltliche Qualität zu schauen. Selbst wenn das die Akademikerquote nicht mehr ganz so wachsen lässt wie zuletzt.

Martina Salomon
eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.