Tourismus in Wien während Corona

© Kurier / Jeff Mangione

Leitartikel
01/15/2021

Vergeudet nicht die Schönheit des Landes

Nach Corona muss sich Österreich auf seine Stärken besinnen und viel mehr als bisher auf Stadtbildpflege und Raumplanung achten

von Martina Salomon

And now for something completely different, um mit Monty Python zu sprechen. Aber Achtung, glücklich macht es auch nicht.

Wenn wir heuer im Sommer nach eineinviertel Jahren Corona-Mühsal die Scherben unseres Wirtschaftslebens aufklauben, wird man die Frage nach den Kernkompetenzen des Landes stellen müssen. International bekannt sind wir für Kultur und Tourismus. Österreich zehrt vom Ruf, ein wunderschönes Land zu sein. Was eigentlich dazu führen müsste, dass man mit der Substanz pfleglich umgeht, manches sogar wiederaufbaut (wie in Berlin das Stadtschloss, was durchaus kontroversiell diskutiert wurde).

Doch es herrscht seit Jahrzehnten absurde Achtlosigkeit: Zum Beispiel werden dank eines Mietrechts, das die Mietpreise selbst im qualitativ hochwertigen Altbau stark limitiert, auch schützenswerte Gebäude gnadenlos geschleift und durch gesichtsloses Neues ersetzt. Plätze – von Praterstern bis Reumannplatz – werden in Asphaltwüsten verwandelt und viele markante Orte unwiederbringlich zer- und gestört: Neustift und Steinhof etwa. Einer der wenigen gelungenen Plätze, wo Alt und Neu wunderbar vereint und neues Leben eingehaucht wurde, ist immerhin das Museumsquartier. In New York verlängert man jetzt die „High Line“, einen über zwei Kilometer langen Park in Manhattan auf einer alten Güterzugtrasse. In Wien strahlt die alte, verfallende Stadtbahntrasse nicht einmal morbiden Charme aus.

Wirklich schlimm ist unser Umgang mit alter Wirtschafts- und Industriearchitektur. Die Wiener Markthallen wurden fast zur Gänze abgerissen (nun soll wenigstens eine neue errichtet werden – man darf sich nach ersten Plänen aber jetzt schon fürchten). Alte Bahnhöfe wurden durch Allerweltsarchitektur ersetzt. Beim Hauptbahnhof hat man die Jahrhundertchance vertan, dort eine Museumsinsel zu schaffen. Wer das schönredet, soll bitte die neue Penn Station in New York, die Canary-Wharf-Station in der Londoner City (an der eine österreichische Firma mitwirkte!) oder den Flughafen Singapur betrachten. (Über den Flughafen Wien breiten wir lieber den Mantel des Schweigens …)

Stadtbildpflege und Ensembleschutz sind auch am Land Fremdworte. Shopping-Stadtrandwucherungen zerstören die Ortskerne. Diese Verödung wird durch die Folgen von Corona noch massiv beschleunigt. Nun mag man einwenden, das sei anderswo genauso. Stimmt nicht. Schauen Sie über die Grenzen nach Bayern, Südtirol oder in die Schweiz: So viel liebloses „Architektur“-Durcheinander, so viele hässliche Industriehallen gibt es dort nicht.

Österreich kann sich nicht darauf verlassen, mühelos weiterhin Tourismushochburg zu sein. Es ist Zeit, unsere Stärken zu stärken, statt auf halbherzige Modernität zu setzen. Befolgen wir lieber den Marketingspruch: „Vermehrt Schönes!“

Martina Salomon
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