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Gastkommentar
02/01/2021

Pampers gegen Nestbeschmutzung?

Ist es erlaubt, Konflikte innerhalb der Israelitischen Kultusgemeinde einem öffentlichen Diskurs auszusetzen? Es ist auszuhalten.

Beim Impfstart im Maimonides Zentrum, dem Pflegeheim der Israelitischen Kultusgemeinde, hatten etliche Personen nicht verimpfte Restmengen in Anspruch genommen, ohne der priorisierten Zielgruppe anzugehören, darunter der IKG Präsident und ihm nahe stehenden Personen.

So weit, so skandalös. Dass der eine oder andere Bürgermeister österreichischer Gemeinden diesem zweifelhaften Vorbild folgte, dürfte den Medien für eine mediale Ausschlachtung besser geschmeckt haben als die Malversationen innerhalb der IKG. Vermutlich will man sich nicht dem Vorwurf antisemitischer Berichterstattung aussetzen. In seiner Replik auf einen kritischen NU-Online-Kommentar, der auch von der Tageszeitung Die Presse übernommen wurde, im KURIER bestätigte der Werber und Kolumnist Harry Bergmann zwar die Vorwürfe, ist aber überzeugt, dass „alles was innerhalb der jüdischen Kultusgemeinde passiert, am besten auch innerhalb der jüdischen Kultusgemeinde bleiben sollte“. Doch aus welchem Grund soll man Vorfälle, die innerhalb der IKG passieren, nicht auch außerhalb diskutieren – zumal, wenn sie, wie beim äußerst knappen Gut „Corona-Impfungen“, keine innerjüdische Angelegenheit sind.

Befürchten Verantwortungsträger in der Gemeinde etwa antisemitische Reaktionen? Will man ein Bild von Friede, Freude und koscherem Eierkuchen vermitteln? Dürfen, müssen an Juden höhere moralische Ansprüche gestellt werden? Letzteres entspräche wohl eher einem antisemitischen Klischee.

Diverser geworden

Die jüdische Gemeinde in Österreich ist in den letzten Jahren diverser geworden, vor allem durch die Zuwanderung aus Osteuropa und Zentralasien. Außerdem ist es zu einem Generationenwechsel gekommen, schwer traumatisierte Zeitzeugen des Holocaust werden weniger, deren Enkelkinder wiederum sind zu „Systemerhaltern“ geworden. Migranten, Orthodoxe, Sekuläre, Assimililierte, politisch Engagierte, Junge und Ältere, Betuchte und weniger Wohlhabende: alle diese Mitglieder der Gemeinde haben ein Recht darauf , gehört zu werden.

Es gibt eine Vielzahl an Meinungen und Ansprüchen – wobei dies eigentlich schon immer Tradition hatte. Nicht umsonst heißt es: Sieben Juden, sieben Meinungen.

Dieser großen Herausforderung scheint die Führung der IKG nicht immer gewachsen zu sein. Ein Diskussionsverbot hinterlässt eher die Anmutung einer autokratischen Regierung. IKG-Präsident Oskar Deutsch meinte in seiner Aussendung, die öffentliche Kritik an seinem Vorgehen „schädige alle Mitglieder unserer Gemeinde“. Das allerdings ist klassische Täter- Opfer-Umkehr, die nicht sein eigenes Verhalten, sondern jenes seiner Kritiker verurteilt.

Nein, wir sind eben NICHT Präsident. Wir sind einfach nur zufällig Juden, wollen uns weder dafür genieren müssen, noch uns damit schmücken und brauchen keine Sonderstellung. Wir haben das Recht zu reden und aufzuzeigen und können auf eine Windel gegen Nestbeschmutzung gerne verzichten. Nu, der Herr Präsident und seine Partei werden den für sie üblen Geruch schon aushalten.

Ronnie Sinai ist Mitglied der IKG und schreibt für NU, das jüdische Magazin für Politik und Kultur.

 

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