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Leitartikel
06/30/2021

ORF-Strategie im Testbild-Modus

Mit zunehmender Dringlichkeit stellt sich die Frage: Was hat eigentlich die Regierung mit dem ORF vor?

von Wolfgang Unterhuber

Die Wahl des ORF-Generals geht in die finale Phase. Gestern wurde der Job offiziell ausgeschrieben. Der Ausschreibungstext könnte aus der Jahrtausendwende stammen. Die Bewerber sollen etwas von Unternehmensführung, von elektronischen Medien, insbesondere TV, Radio und Online (ja: das Internet gab es auch schon vor 20 Jahren) verstehen und über einschlägige Berufserfahrung verfügen. Auslandserfahrungen sind nicht erforderlich.

Neu ist, dass die Ausschreibung gegendert ist. Bewerbungen von Frauen sind besonders erwünscht, heißt es. Ein Headhunter ist traditionell nicht eingeschaltet. Am 10. August soll es mit den Bewerbern ein Hearing geben.

Der Andrang wird sich in Grenzen halten. Der Küniglberg steht international im Ruf, dass die Namen von Interessenten vorab im Hoppala-Verfahren durchsickern. Bewerber, die einen laufenden Vertrag haben und daher auf absolute Diskretion angewiesen sind, werden also einen Teufel tun.

Aber auch ohne Intriganten-Malus wird das Gedränge um den ORF-Chefposten vermutlich enden wollend sein. Die Kosten steigen, die Werbeerlöse sinken real. Bei einem Umsatz von rund einer Milliarde Euro sind die Einnahmen aus den Rundfunkgebühren (vor Corona waren es 643 Millionen Euro) mittlerweile die absolut wichtigsten des ORF. Um mit dem Geld auszukommen, kürzt der ORF seit Jahren sein Programm. Attraktive Sportrechte sind verloren gegangen, im Hauptabend laufen oft Wiederholungen aus dem vorigen Jahrzehnt statt Eigenproduktionen. Wenn nicht bald die Kostenstruktur angegriffen wird, könnte der ORF –  philosophisch gesehen – zum Zombie-Unternehmen werden.

Sinn und Zweck der öffentlich-rechtlichen Sender werden international diskutiert. In Deutschland wird aktuell eine Zusammenlegung von ARD und ZDF erörtert. Selbst die altehrwürdige BBC ist schwer unter Beschuss. Im digitalen Zeitalter, welches den Konsumenten jederzeit verfügbar ein umfassendes Nachrichten- und Unterhaltungsangebot offeriert, wird die Sinnhaftigkeit der statisch-staatlichen Sender immer stärker hinterfragt.

Einerseits liegt das am Reform(un)willen der Unternehmen selbst. Dabei geht es nicht nur um Restrukturierungen. Die beim ORF schon vor ewigen Zeiten debattierte stärkere Fokussierung auf Dokus und Filme aus Österreich wurde erfolgreich zerredet. Konzepte zur Digitalisierung liegen in der Schublade. Aber dafür fehlt das Gesetz.

Und hier kommen die Eigentümer ins Spiel. Das ist hierzulande de facto die jeweilige Regierung. Was also haben ÖVP und Grüne mit dem ORF vor? Haben sie außer Eigeninteressen überhaupt etwas vor? Und vor allem: Wie sieht die Medienpolitik der Zukunft aus? Die Ausschreibung zur Wahl des ORF-Generals gibt dazu jedenfalls nicht einmal den Hauch einer Ahnung.

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