© APA/HELMUT FOHRINGER

Leitartikel
11/07/2020

Österreich bleibt Österreich

Was muss noch alles passieren, dass wir endlich ideologische Gräben überwinden und aus alten Denkmustern ausbrechen können?

von Gert Korentschnig

„Schleich di, du Oaschloch!“, rief ein Wiener dem Terroristen hinterher – lesen Sie bitte dazu auch den fabelhaften Text, den der Schriftsteller Michael Köhlmeier für den KURIER am Sonntag verfasst hat. „Schleich di!“, das möchte man auch dem Jahr 2020 hinterherrufen. Corona- und Wirtschaftskrise, Rekordarbeitslosigkeit, Ausgangsbeschränkungen, Angst in der Bevölkerung und dann noch Terror in Wien – es reicht!

Komm doch, liebes 21er Jahr, wir freuen uns auf dich. Spätestens am 20. Jänner beginnt dann eine neue Zeitrechnung, wenn ein seriöser Mann als US-Präsident angelobt wird, wenn die Jahre der Lügen, der Drohungen, des Misstrauens gegenüber staatlichen Institutionen, der Aushöhlung der Demokratie vorbei sind. Höchste Zeit für eine Ruhepause, wahrscheinlich ist „sleepy Joe“ sogar der Richtige dafür.

Aber bleiben wir in Österreich, das in dieser Woche erschüttert wurde wie selten zuvor, und wo die Gräben auch schon beachtliche Ausmaße erreicht haben. Auf dem Cover der Sonntags-Zeitung bringen wir diesmal den Titel „Wien bleibt Wien“, in Anbetracht dessen, dass sich die Stadt nicht unterkriegen lässt, auch in ihrer Vielfalt. Portiere ließen flüchtende Menschen in ihren Hotels übernachten, Menschen mit Migrationshintergrund wurden zu Lebensrettern. Am Tag nach dem Anschlag sprach der Kanzler wichtige Worte, dass es nämlich nicht um Religionen, sondern um Frieden versus Krieg gehe. Und auch der Innenminister berührte mit topprofessionellen Stellungnahmen. Allerdings: Nicht nur Wien bleibt Wien, auch Österreich bleibt Österreich, denn schon kurz darauf war nicht mehr ein Miteinander, sondern nur noch ein Gegeneinander bei der Krisenbewältigung zu registrieren.

Ja, es wurden schreckliche Fehler im Vorfeld des Anschlages begangen, es wurde weggeschaut, Kommunikation verabsäumt, Gefahren wurden ignoriert, und in anderen Ländern wären die politisch Verantwortlichen ihren Job vermutlich los. Dennoch ist es bemerkenswert, wie sehr die österreichischen Bruchlinien – Rechts gegen Links, Regierung gegen Opposition, Innenministerium gegen Justizministerium, Bund gegen Stadt Wien – sofort wieder sichtbar wurden. Misstrauen, Verbitterung, ja sogar Hass auf den Andersdenken sind so groß, dass Schuldzuweisungen und das Bedienen der eigenen Klientel wichtiger sind als Zusammenhalt. Das geht so weit, dass ein ehemaliger Innenminister die Kranzniederlegung für eine politische Botschaft nützt, indem er als einziger keine Maske trägt.

Ja, Corona und Terror haben etwas gemein: In beiden Fällen sieht man, wie schwierig es hier mit dem oft postulierten Schulterschluss ist. Und wie sehr Minutendebatten ernsthafte Diskussionen verdrängen. Wahrscheinlich war es früher nicht besser. Aber ohne Social Media zumindest weniger laut.

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