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Meinung
01/26/2022

Matura-Protest: Die Schüler machen es sich im Krisenmodus bequem

Jene Schüler, die gegen die Rückkehr der verpflichtenden mündlichen Reifeprüfung demonstrieren, liegen aus gleich mehreren Gründen falsch.

von Christoph Schwarz

Wie schnell sich die Dinge doch ändern: Im ersten Jahr der Pandemie befürchteten Schüler des Maturajahrgangs noch, dass ihnen ihre coronabedingte "Reifeprüfung light" später einmal Nachteile auf dem Arbeitsmarkt bescheren könnte. Jetzt, zwei Jahre danach, hat sich in den Abschlussklassen - oder zumindest bei einem Teil der Schüler - offenbar die pandemische Bequemlichkeit eingeschlichen.

Heute am Vormittag zogen in Wien mehrere hundert Schüler durch die Straßen und vor das Bildungsministerium, um gegen die verpflichtende mündliche Matura zu protestieren.

Ihr Argument: Man habe in den vergangenen Jahren aufgrund des Distance Learnings zu viel Stoff verpasst, der sich nicht mehr aufholen ließe. Der mündliche Antritt solle, so wie in den beiden vergangenen Jahren, daher nur freiwillig erfolgen.

Was aber ist dran an diesem Argument?

Herzlich wenig.

Die Schule ist schon lange offen

Dass die Krise die Schüler (ebenso wie Lehrer und, ja, auch Eltern) vor Herausforderungen stellte und stellt, das zieht niemand in Zweifel.

Vor allem während der ersten Lockdowns, in denen die Schulen tatsächlich geschlossen waren und der Fernunterricht mehr als holprig anlief, fielen viele Jugendliche in ein tiefes Loch. An die Wissensvermittlung via Videokonferenz musste man sich erst gewöhnen, die wichtige soziale Komponente des Schulbesuchs fehlte schmerzlich.

Der Blick auf das laufende Schuljahr zeigt aber: Die Bedingungen haben sich deutlich gebessert. Pauschal geschlossen waren die Schulen bereits seit Frühjahr 2021 nicht mehr. Nur falls Corona-Fälle in einer Klasse nachgewiesen werden, muss diese - und nur diese - kurzzeitig ins Homeschooling wechseln. Das ist mühsam, aber verkraftbar.

Achtsame Prüfer

Dass sich der Protest ausgerechnet gegen die mündliche Matura richtet, ist überdies in mehrerlei Hinsicht falsch.

Anders als der schriftliche Teil der Reifeprüfung wird der mündliche nicht zentral über das Bildungsministerium erstellt. Das heißt: Gerade bei der mündlichen Matura haben die Prüfer der jeweiligen Schule noch besser die Möglichkeit, individuell auf die Bedürfnisse ihrer Maturanten einzugehen.

Sie wissen, in welchen Wissensgebieten und Bereichen es in den jeweiligen Klassen pandemiebedingt Lücken gibt - und können die Prüfungsfragen dahingehend anpassen. Achtsame Lehrer werden das jedenfalls tun.

Auch politisch ist das gedeckt: Bildungsminister Martin Polaschek (ÖVP) hat sowohl für die schriftliche als auch für die mündliche Reifeprüfung bereits "Erleichterungen" angekündigt.

Die wichtigste Prüfung

Zudem entgeht den jungen Menschen ohne mündliche Matura eine der vielleicht wichtigsten (schulischen) Erfahrungen ihres Lebens. Während das (Auswendig-)Lernen großer Stoffmengen für die schriftliche Reifeprüfung durchaus kritisch hinterfragt werden darf, geht es im mündlichen Teil um weit mehr.

Hier gilt es, Wissen und Inhalte verständlich vorzutragen und sich selbst zu präsentieren. Genau diese Kompetenz werden die Schülerinnen und Schüler später im Berufsleben wirklich benötigen.

Dass ein Teil der Demonstranten, die den türkisen Bildungsminister nun zum Rücktritt auffordern, hauptsächlich parteipolitische Interessen im Sinn hat, sei am Rande erwähnt. Die SPÖ-nahe AKS (Aktion kritischer SchülerInnen) versucht hier ungeniert, unter dem Deckmantel der Pandemie eine ideologische Bildungsdebatte zu betreiben. (Dass der stellvertretende SPÖ-Klubchef Jörg Leichtfried mitdemonstrierte, passt da gut ins Bild.)

Zurück zur Normalität

Am Ende spricht noch ein Argument für die Rückkehr zur verpflichtenden Matura: Wenn wir als Gesellschaft zurück zur Normalität wollen, müssen wir diesen Weg auch mutig beschreiten. Im Krisenmodus zu verharren, wird uns nicht weiterbringen.

Übrigens: All jene Maturanten aus dem Jahr 2020, die Nachteile auf dem Arbeitsmarkt befürchteten, können ganz beruhigt sein. Die wenigsten Arbeitgeber werfen überhaupt einen Blick auf das Maturazeugnis. Was beim Jobeinstieg oft viel mehr zählt, sind Interesse, Begeisterung und Leistungsbereitschaft. Auch darüber könnten die Demonstranten einmal nachdenken.

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