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Wer entwertet, statt zu widersprechen, hilft den Populisten

Wer Menschen für abweichende Meinungen automatisch als „rechts“ oder Modernitätsverlierer abkanzelt, besorgt das Geschäft der Populisten.
Martina Salomon
stunned young woman covering her mouth for silence

Stimmt es, dass man manches „nicht mehr sagen darf“, wie immer häufiger behauptet wird? Nein, aber es kann sein, dass man dafür in der Hölle der moralischen Verdammnis schmort. Etwa dafür, Windräder nicht auf allen Hügeln total super zu finden, weil man sich um die Schönheit der Landschaft sorgt und auch darum, wie diese Zigtausenden Materialtonnen einmal entsorgt werden. Oder dafür, die Schweizer Debatte über eine Einwohnerobergrenze für interessant zu halten – genauso wie den schwedischen Plan, Migranten mit schlechtem Benehmen ausweisen zu können. (Ob das rechtsstaatlich vernünftig geregelt werden kann, bleibt aber fraglich.)

Wie ketzerisch wäre die Meinung, dass man das Kernkraftwerk Zwentendorf in Betrieb nehmen (Atomstrom importieren wir ohnehin) oder das Donaukraftwerk Hainburg bauen hätte sollen, weil grüner Strom fehlt und die Au jetzt austrocknet? Umgekehrt gedacht: Ist die milliardenteure Untertunnelung der Lobau wirklich vernünftig? Wäre stattdessen eine schöne Donau-Hängebrücke, über die man nur mit den (weitgehend geräusch- und abgaslosen) E-Autos fahren darf, nicht viel schneller und deutlich billiger zu errichten? Bis die Brücke fertig wäre, fahren wir doch ohnehin alle nur noch elektrisch – oder nicht?

Und wie verwerflich ist der Unmut darüber, dass dem Ausbau von Radwegen derzeit alles untergeordnet wird? Senkt die mutwillige Parkplatzvernichtung nicht die städtische Lebensqualität und erschwert die Arbeit von Zustellern, Handwerkern, Pflegediensten massiv? Abgesehen davon ist es erstaunlich, dass die auf 50 (!) Euro angehobene Strafe für ein Parkgebührversäumnis kein Thema für die zahlreichen Anti-Armuts-NGOs ist.

Sind Sie vielleicht sogar ein hoffnungsloser Klimawandelleugner, weil Sie (eh nur heimlich) über die alarmrot eingefärbten Wetterkarten lästern, wenn an einem Juniwochenende genau jene Badetemperatur herrscht, die die Österreicher im Urlaub sehr fein finden? Fehlt nur noch, die Schiefstellung des Lueger-Denkmals für einen sauteuren, rein ideologischen Schmarrn zu halten.

All das laut zu sagen, ist derzeit nicht wirklich „opportun“, dennoch denken viele Menschen so. Wenn aber zu viele das Gefühl bekommen, für ihre Meinungen als moralisch verkommen und Modernitätsverlierer abgestempelt zu werden, gewinnen am Ende „Rabiatperlen“ inner- und außerhalb von Parteien, die ihre Popularität der schamlosen Zuspitzung verdanken: ein globaler Trend. Auch Trump verdankt seine Wahl zu einem Gutteil dieser Polarisierung. Der Psychiater Michael Musalek hat kürzlich im KURIER gemeint, wir müssten wieder lernen, zu widersprechen, ohne zu entwerten. Da hat er recht. Die Autorin dieser Zeilen nimmt daher das Wort „Schmarrn“ zurück.

Porträt von Martina Salomon vor dem Schriftzug „Kurier Kommentar“.

KURIER-Herausgeberin Martina Salomon

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