Pfand in Sicht
Am vergangenen Samstag kam es am Bahnhof Wien-Liesing zu einem tödlichen Unfall: Ein 45-jähriger Mann wurde von einem Schnellzug überfahren. Der Mann hatte auf den Gleisen nach Pfandflaschen gesucht.
Nicht einmal die erbittertsten Kritiker des am 1. Jänner 2025 in Kraft getretenen Pfandsystems werden ernsthaft einen Zusammenhang mit dem tragischen Vorfall herstellen. Aber er ist ein grausam deutlicher Hinweis darauf, dass das Pfandsystem auch im öffentlichen Raum sichtbar ist – in Gestalt der Pfandsammler, also jener Männer und Frauen, die die Straßen, die Mistkübel (und leider auch Bahndämme) nach pfandpflichtigen Gebinden durchkämmen. Sie verdienen damit übrigens nicht nur ein bisschen Geld, sie sorgen auch dafür, dass weggeworfene Flaschen und Dosen in den Recyclingkreislauf zurückgehen.
Die Pfandsammler sind also da, und die Gesellschaft muss sich fragen, wie sie mit ihnen umgeht. Macht sie den Sammlern das Leben schwer, weil sie nicht will, dass Armut allzu sichtbar wird? Oder unterstützt sie sie, weil sie arm sind und niemandem schaden? Hier kommen die sogenannten Pfandringe ins Spiel, also bei Mistkübeln angebrachte Halterungen, in denen pfandpflichtige Gebinde deponiert werden können. In Linz und Graz gibt es solche Pfandhalter bereits, in vielen deutschen Städten schon lange, in Wien aber blockt die Stadt ab, aus ästhetischen und hygienischen Gründen. Offenbar ist es dem Rathaus lieber, die Pfandsammler wühlen weiter im Müll, auch wenn das entwürdigend sein mag. Die auf ihre soziale Politik so stolze Stadt kann gnadenlos bürokratisch und erstaunlich unsensibel sein.
Am Pfand scheiden sich ganz grundsätzlich die Geister. Die FPÖ hat bei seiner Einführung sogar eine Petition zur Abschaffung des „Pfandmonsters“ initiiert. Die war zwar kein Riesenerfolg, aber die populistischen Blauen haben instinktsicher einen Nerv getroffen. Bei Getränken in nicht pfandpflichtigen Flaschen – die es inkonsequenterweise noch gibt – schreibt der Handel extra „Pfandfrei!“ dazu, als ob das eine besondere Qualität wäre.
Schwer zu glauben, dass es den Menschen wirklich um die 25 Cent geht. Es geht ihnen ums Prinzip. Der weitgehend irrationale Widerstand gegen das Pfandsystem erinnert an die Grabenkämpfe um Masken- und Impfpflicht in der Corona-Zeit. Stichwort „Freiheit“. Damals war es die Freiheit, sich anzustecken und das Virus zu verbreiten. Heute ist es die Freiheit, seinen Mist loszuwerden, wo und wie man will. Die Pointe ist: Das verbietet einem niemand. Man muss pfandpflichtige Gebinde nicht zurückbringen, man kann sie auch in den Mistkübel werfen.
Die Pfandsammler haben nichts dagegen.
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