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Briten kokettieren mit EU – ein Kompliment für Europa

Dass Großbritannien fünf Jahre nach dem Brexit die Stärken der EU erkennt, wäre ein Anlass, sich dieser selbst wieder einmal bewusst zu werden.
Konrad Kramar
BRITAIN-EU-POLITICS-BREXIT-DEMO

Es ist ja eine der gut gepflegten Leidenschaften vor allem deutschsprachiger Europäer, sich mit großer Geste schlecht zu machen und diese europäische Welt untergehen zu sehen. Wenn der jetzt wieder so aktuelle Kulturpessimismus einmal Pause macht, könnte man auch in Brüssel darauf achten, was da an reuevollen Sympathiebekundungen über den Ärmelkanal kommt. Fünf Jahre nach dem Brexit gestehen sich die Briten plötzlich offen ein, dass sie die Abkehr von Europa einiges gekostet hat. Romantische Gefühle für Europa oder sogar für das blaue Sternenbanner muss man sich von den Inselbewohnern nicht erwarten. Für sie war der Kontinent immer vor allem ein Markt, auf und mit dem man Handel treiben und sich gelegentlich ein bisschen in imperiale Machtspiele einmischen konnte.

Anlass also auch in Brüssel, Berlin oder Wien in dieser Krise einen nüchternen Blick auf Europa und seine größte Stärke zu werfen, denn die ist nun einmal der gemeinsame Markt für rund 450 Millionen Menschen, den man ab den 1980ern Schritt für Schritt Richtung Süden und Osten erweiterte, was sich für – fast – alle Beteiligten als gutes Geschäft erwiesen hat. Gerade Österreichs heutiger Wohlstand beruht zu einem Gutteil auf der EU-Osterweiterung.

Diesen gemeinsamen, wachsenden Markt wollen die Briten zurückhaben, weil er auch für sie die einzig verlässliche Grundlage für wirtschaftliche Entwicklung ist.

Dass dieser Markt lückenhaft ist, dass seiner Entwicklung ständig nationale Egoismen im Weg stehen, die Brüssel zwar mit viel Bürokratie behübscht, aber nie überwunden hat: All das steht in den Zeugnissen, die sich die EU in den vergangenen Jahren von politischen Schwergewichten ausstellen hat lassen.

Und weil diese Zeugnisse mäßig ausgefallen sind, verfällt Europa in einen hektischen Tatendrang. Jetzt müssen rasch alle Hürden für den Binnenmarkt aus dem Weg geräumt werden, es werden widersprüchliche Pläne geschmiedet, wie man die Staaten vor unserer Haustür nur irgendwie in die EU bringt.

Da ist er schon wieder, der Kulturpessimismus! Die wiederentdeckte Sympathie der Briten erzählt uns aber eigentlich etwas viel Erfreulicheres. Dieses Europa ist stark und attraktiv für Partner, sein Motor und seine stärkste Waffe war, ist und bleibt der gemeinsame Markt, offen für neue Mitglieder. Ihn auszubauen, zu öffnen und gegen unfair spielende Konkurrenten wie China oder die USA zu schützen, ist die Richtung, in die Europa gehen muss. Dabei sollten wir uns nicht von Ängsten vor übermächtigen Gegnern hinter jeder Ecke leiten lassen, sondern von dem Gefühl, dass dieses Spiel immer schon das war, bei dem Europa gewonnen hat. Das ist die positive Botschaft der Lockrufe aus London.

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