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Ein Tag im August 2050: So sieht ein klimaneutrales Österreich aus

Es fehlt eine positive Erzählung zu Klimakrise und Klimaneutralität, kritisieren Klimaforscher. Der KURIER wagt einen Versuch.
Bernhard Gaul
Menschen gehen auf einem sonnigen Weg im Park, ein Mann schiebt einen Kinderwagen, daneben ist ein U-Bahn-Schild.

Klimaneutralität ist ein abstrakter Begriff, es geht um eine Bilanz, die auf null geht. Dafür steht niemand früher auf. Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb kritisierte im KURIER am Sonntag, was fehlt: eine positive Erzählung, was das Abstrakte für unser Leben bedeuten könnte, wenn es gelingt.

Montag im August 2050, sieben Uhr früh. Das Erste, was auffällt, ist das, was fehlt – der Lärm. Kein „Rööhr“, die fossilen Verbrenner sind weg. Auch der Gestank ist verschwunden. Stattdessen: Vogelgezwitscher, Fahrradklingeln, spielende Kinder, Tratsch. Über den Dächern von Wien liegt kein Hitzestau, die Stadt konnte im vergangenen Jahrzehnt um einige Grade abgekühlt werden, weil zwischen den Häusern Bäume stehen, wo früher Pkw den öffentlichen Raum okkupierten. Die Schwammstadt zeigt Wirkung: Sickerflächen speichern Regen, versorgen Bäume, kühlen die Straße. Jedes Gebäude ist ein Kraftwerk, Photovoltaik auf Dächern, in Fenstern und Fassaden, dazu Batteriespeicher, die das Netz entlasten. Die Wärme kommt aus der Erde.

Auf den Hügeln drehen sich Windräder, gegen die kaum noch jemand etwas hat. Sie gehören den Gemeinden und sorgen für regelmäßige Einnahmen. Österreich ist frei von Energieimporten. Die Ortskerne leben wieder, weil Leerstand billiger wurde als Neubau.

Der Druck zur Wende kam von unten: Unbarmherzige Hitzewellen und zerstörerische Unwetter erzeugten eine nie dagewesene Solidarität. Feuerwehren, Bundesheer, Nachbarn mit Kübeln und Schaufeln – das hat immer funktioniert ohne Frage nach Parteipräferenz. Irgendwann sprang der Fokus vom Aufräumen zur Vorbeugung. Klimapolitik war plötzlich keine Frage der Weltanschauung, sondern Selbstverständnis.

Die Industrie hat aufgehört, Rohstoffe zu verbrauchen – sie leiht sie sich aus. Stahl, Aluminium, Beton kommen immer wieder zurück. Der Stahl entsteht ohne Hochofen, mit Wasserstoff aus dem europäischen Wasserstoffnetz. Und wer nach Berlin, Prag oder Mailand will, nimmt den Zug, weil er um einiges schneller ist als das Flugzeug.

Landwirte haben ihr Kapital in den Böden erkannt. Sie bekommen Geld für den CO2-bindenden Humusaufbau, die Ernten sind nicht größer geworden, aber stabiler. Österreich kann seine Nahrung selbst erzeugen, selbst im Jänner kommt frisches Gemüse aus erdwärmegeheizten Glashäusern. Fleisch wird weniger gegessen, dafür hochqualitativ, niemand hat etwas verboten. Moore sind wieder vernässt, Flüsse dürfen wieder mäandern und nehmen Hochwasser die Wucht.

Die einzige offene Frage, die wir uns dann stellen werden: Warum haben wir eigentlich so lange gebraucht, um zu erkennen, wie viel besser dieses Leben ist?

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