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Leitartikel
07/02/2020

Leben im Minenfeld

Es darf keinen zweiten Lockdown geben. Ob das gelingt, liegt vorrangig an uns selbst.

von Wolfgang Unterhuber

Laut auszusprechen traut sich das noch niemand. Weil die Wahrheit (angeblich) den Menschen aber zumutbar ist, sei es hier und jetzt gesagt: Die zweite Corona-Welle steht vor der Tür. Nicht nur in Israel oder rund um deutsche Schlachthöfe, sondern auch hierzulande. So sieht es momentan jedenfalls aus. Dass die Zahl der Neuinfektionen wieder rasant ansteigt und in Oberösterreich ab Freitag sogar wieder lokale Schulschließungen verhängt werden müssen, zeigt, wie ernst die Lage ist. Wobei jetzt auch niemand in Panik verfallen muss.

Infolge der schrittweisen Lockerungen musste mit einem Ansteigen der Neuinfektionen zwangsläufig gerechnet werden. Die Frage, die sich jetzt stellt, ist aber die, wie groß sich die zweite Welle auswächst. Können die Ursprünge der Neuinfektionen identifiziert und entsprechend rasche Gegenmaßnahmen getroffen werden, oder beginnt das Virus wie im März wieder flächendeckend zu zirkulieren? Wie auch immer: Das Virus ist gekommen, um zu bleiben. Einen Impfstoff dagegen gibt es irgendwann im nächsten Jahr. Frühestens. Wir alle müssen nun also damit leben lernen. Und das beginnt mit einem Wort, das in Österreich höchst unpopulär ist: Eigenverantwortung!

Bei der derzeit sichtbaren Mentalität, wonach sich jeder holen möchte, was ihm zusteht (koste es, was es wolle), wird das keine geringe Herausforderung werden. Doch wohl eher früher als später wird der Tag kommen, an dem sich jeder die Frage wird stellen müssen, was er jetzt im neuen Corona-Zeitalter für seine Mitbürger und Mitbürgerinnen zu deren Schutz tun kann. Das beginnt bei den Unternehmern, die ihre Mitarbeiter schützen müssen, und endet bei der Nachbarschaftshilfe für risikogefährdete Personen.

Es sei denn, man will einen zweiten totalen Lockdown. Den nämlich müsste die Regierung verhängen, wenn die zweite Welle höher wird als die erste. Weil politische Verantwortungsträger schlichtweg dazu verpflichtet sind, Leib und Leben aller Menschen in diesem Land zu schützen. Und selbst wenn die Regierung den schwedischen Weg ginge, wäre das sinnlos. Dort blieben ja bekanntlich viele Geschäfte und Gasthäuser offen, nur hielt sich die Lust am Konsum trotzdem in Grenzen. So sterben in Schweden nun viel mehr Menschen als anderswo, und die Wirtschaft kracht trotzdem (was freilich auch am Export hängt).

So bleibt der Politik und uns als Bürgerinnen und Bürger nur ein Weg: Wir müssen durch die Krise steuern wie durch ein Minenfeld. Es darf keinen zweiten Lockdown mehr geben. Dann wären wir ökonomisch am Ende. Deshalb aber darf sich die zweite Welle auch nicht auswachsen. Dann hätten wir schwedische Verhältnisse. Das ist die Wahrheit. Und die ist, wie schon gesagt, den Menschen (angeblich) zumutbar.