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Leitartikel
03/20/2020

Krisen-Rückenwind

In Corona-Zeiten ist von Staatenlenkern entschlossenes Handeln gefragt – Inszenierung in eigener Sache ist natürlich auch dabei.

von Andreas Schwarz

Krisenzeiten sind Zeiten, in denen sich Menschen nach Orientierung sehnen. Nach einer lenkenden Hand, die das Gefühl von Sicherheit vermittelt. Notfalls (da gewinnt das Wort „notfalls“ seine echte Bedeutung) mit Geboten/Verboten, was heißt notfalls: Bitte gerne, weil dann weiß der Mensch, dass was geschieht.

Das wissen Politiker: Krisenzeiten sind auch Chance, Statur zu gewinnen, mit viel Rückenwind politische Kilometer zu machen – das klingt zynisch, ist aber realiter so.

Der israelische Noch-Premier Benjamin Netanjahu ist wegen der Corona-Krise seinen Betrugsprozess auf einige Zeit los. Er kann sich, während Konkurrent Benny Gantz eine Regierung bilden soll (und es nicht schaffen wird), dem Krisenmanagement widmen. Dass die Israelis auf der Jagd nach Viren-Trägern mit Geheimdienstmethoden getrackt werden, stört nicht viele – und „Bibi“ kann sich auf Bibi forever freuen.

Italiens reichlich farbloser Premier Giuseppe Conte wurde vom plötzlichen Corona-Ausbruch im Norden zum Handeln gezwungen, so sehr, wie sich das kein Politiker wünscht – und hat zwischen Tod, Not und Überlebenswillen im Land in Umfragen (ja, die werden auch noch gemacht) plötzlich an Vertrauen und Zustimmung in der Bevölkerung gewonnen.

Und Sebastian Kurz kommt seit einer Woche täglich zu den Österreichern ins Haus: via Fernsehen, mit der Verkündung ernster Nachrichten und strenger Maßnahmen, und mit einer mitschwingenden „Wir schaffen das“-Botschaft (ausgerechnet), die die Empfänger gleichermaßen folgsam und nicht verzweifelt machen soll.

Keine Frage: Die Maßnahmen sind wohl durchdacht, schlüssig und notwendig. Ja, so schaffen wir es. Und die Überbringung der Botschaft erfolgt souverän. Aber sie ist in Auftritt und Taktung natürlich auch inszeniert. Naiv, wer glaubt, dass da nicht die nächste Wahl und die Auswirkung auf die eigene Wirkung mitgedacht wird. „Auferstehung nach Ostern“, hat der Kanzler vor ein paar Tagen noch gesagt – Zufall bei einem, der Erfolg und Gespür hat wie schon lange kein Politiker mehr im Land und den Karikaturisten gerne übers Wasser gehen lassen?

In der Krise zeigt sich auch, dass vollmundige Politik-Glücksritter der Instinkt verlässt. Donald Trump lebte trotzig auf einem falschen Planeten, während von New York bis San Francisco schon die Rollbalken runtergingen. Die könnten auch für seine Wiederwahl runtergehen – die gute Wirtschaftslage, sein stärkstes Argument, stirbt gerade. Jetzt versucht er sich als „Kriegs“-Präsident. Boris Johnson ging mit seiner „Herdenimmunisierung“ ebenfalls einen Holzweg, der die Briten kopfschütteln lässt, und zog spät die Notbremse. Brasiliens Trump, Jair Bolsonaro, lässt Corona-Partys feiern.

Da ist mitschwingende Inszenierung von Krisenmanagern allemal besser. Und die Selbstentzauberung von politischen Scharlatanen eine hübsche Zugabe.