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20.06.2017

Rätsel Argentinien: Ja, spinnen die Investoren?

Wer ist so verrückt und borgt einem Serienpleitier Geld - und das gleich für 100 Jahre?

Sind denn jetzt schon alle Sicherungen durchgeknallt?

Hermann Sileitsch-Parzer | über Argentiniens jüngste Staatsanleihe

Würden Sie einem notorischen Serienpleitier Geld borgen? Und das obendrein mit dem Zugeständnis, dieses erst in drei oder vier Generationen zurückzuzahlen? Im Fall Argentinien haben die Investoren damit offenbar kein Problem.

Die Südamerikaner hatten am Montag - völlig überraschend - eine Staatsanleihe mit 100 (sic!) Jahren Laufzeit aufgelegt. Nur zur Verdeutlichung: Das heißt, dass der Anleger, der dieses Papier zeichnet, seinen Einsatz erst in hundert Jahren zurückerhält. Wenn keine Staatspleite dazwischen kommt. Was bei Argentinien in der Vergangenheit in bedeutend kürzeren Abständen der Fall war.

3,5mal überzeichnet

Das muss man sich vor Augen halten: Die Südamerikaner haben in den vergangenen 200 Jahren mindestens sieben Staatspleiten hingelegt. Erst im Vorjahr konnte der Ende 2015 neu gewählte Staatspräsident Mauricio Macri eine Einigung mit einigen US-Geierfonds erzielen und somit die Folgen der rund 100-Milliarden-Dollar-Pleite des Jahres 2002 abschütteln.

Während man sich noch fragt, wer so verrückt ist, in dieses "Wertpapier" zu investieren, tickert die Meldung über die Agenturen: "Riesen-Nachfrage nach Argentiniens Hundertjähriger Überraschungsanleihe." In Zahlen ausgedrückt: Die Argentinier haben laut Reuters 2,75 Milliarden Dollar eingenommen. Aufträge hatten sie allerdings über 9,75 Milliarden Dollar erhalten. Sie hätten also mehr als drei Mal so viel an den Mann gebracht. Sind denn jetzt schon alle Sicherungen auf dem Finanzmarkt durchgeknallt?

Sportliche Verzinsung

Ein Grund für das gesteigerte Interesse: Die Verzinsung, die den Investoren für dieses Wagnis winkt, ist sportlich: 7,9 Prozent. Und das in einem Zinsumfeld, in dem Staatsanleihen kaum positive Erträge abwerfen. Wiegt das das enorme Verlustrisiko auf? Denn diese Zinsen muss Argentinien (in US-Dollar!) erst zurückzahlen können. Und wollen. Finanzmarktexperten haben errechnet, dass bei dieser Verzinsung die Gefahr einer Pleite mit 80 Prozent Wahrscheinlichkeit unterstellt wird.

Zum Vergleich: Im Oktober 2016 hatte die Republik Österreich erstmals eine 70-jährige Staatsanleihe aufgelegt, die ebenfalls auf großes Interesse stieß. Die Rendite betrug schlanke 1,53 Prozent. Übrigens dürfte Österreichs Finanzierungsagentur Oebfa seit Anfang 2017 ebenfalls Staatsanleihen mit 100 Jahren Laufzeit anbieten. Die gesetzlich erlaubte maximale Laufzeit wurde nämlich von 70 auf 100 Jahre erhöht. Konkrete Pläne gibt es dafür bis dato aber nicht.

Die Enkel müssen zahlen

Für die Republik hätte das den Vorteil, dass die aktuell sehr niedrigen Zinsen dadurch für sehr lange Zeit fixiert würden (wobei dieses Argument bei Argentiniens hoher Verzinsung auch wegfällt). Allerdings bedeutet es eine Verschuldung und Zahlungsverpflichtung über mehrere Generationen hinweg - mit der Refinanzierung des Geldes, das wir ausgeben, dürfen sich dann noch unsere Enkel oder Urenkel herumschlagen.

Auf Facebook und Twitter sorgte das Argentinien-Beispiel für jede Menge ätzende Kommentare: "In 100 Jahren, wird es da Argentinien überhaupt noch geben?" fragte sich ein User. Ein anderer antwortete: "Küchenschaben wird es sicher noch geben. Die werden das Geld dann zurückzahlen."