200 Jahre Aufklärung müssen verteidigt werden

Martina Salomon

Martina Salomon

200 Jahre Aufklärung müssen verteidigt werden – auch gegen Vernunftfeinde in den eigenen Reihen.

von Dr. Martina Salomon

über unsere Gesellschaft

Migranten müssen sich integrieren", sagte die deutsche Bundeskanzlerin am Donnerstag. Dazu gehöre auch Respekt vor unseren Regeln und Werten.

Stimmt (wobei man sich auch die Frage stellen könnte, in welche Gesellschaft sie sich in Berlin-Neukölln oder Wien-Fünfhaus integrieren werden). Den mehrheitlich muslimischen Zuwanderern muss man einiges erklären, zum Beispiel: Bei uns haben Frauen dieselben Rechte wie Männer, dürfen kurze Röcke tragen, öffentlich schmusen, mit dem Mann ihrer Wahl zusammenleben, ein Auto lenken. Homosexuelle können heiraten, Mädchen und Buben besuchen gemeinsam den Schwimmunterricht. Und wer über Religion witzelt, muss nichts befürchten. Davon sollten wir keinen Millimeter abweichen. (Also, äh, eigentlich tun wir das schon. So gibt es in öffentlichen Schwimmbädern längst Frauennachmittage. Und während kaum ein Theaterstück ohne böse Karikaturen katholischer Würdenträger auskommt, ist Brachialhumor über andere Religionen tabu.)

Rad zurückgedreht

Nicht alles kann man Zuwanderern schlüssig erklären, siehe einige mediale Schlagzeilen der vergangenen Tage. Wenn zum Beispiel die Wiener Ringstraße jeden vierten Tag für Spaß-Demos gesperrt ist, so muss ein Neuling überrascht feststellen, dass unsere hochmobile Gesellschaft das Rad wieder zurückdrehen will.

Wahrscheinlich wird auch nirgendwo mehr über öffentliche Kinderbetreuung geredet als in Deutschland und Österreich, und dennoch haben die "Einheimischen" immer weniger Lust aufs Kinderkriegen.

Zuwanderer aus ärmeren Ländern werden sich auch wundern, dass Österreicher und Deutsche bereit sind, mehr für verschrumpeltes als für makelloses Gemüse zahlen, weil "bio" draufsteht. Ganz zu schweigen von den seltsamen Essensmoden der Überflussgesellschaft. So richtig gesund sind wir dennoch nicht: Eine neue WHO-Studie bescheinigt Österreich einen Spitzenplatz beim Alkoholkonsum. Saufen gehört quasi zu unserer Kultur – schon bei Jugendlichen. Darauf kann niemand stolz sein.

Schummeln statt Qualität

Dass die österreichischen Universitäten lieber "Gender"-Schwerpunkte setzen, als über die Grenzen des Wachstums zu diskutieren, finden wahrscheinlich nicht nur Neuankömmlinge seltsam. Die Deutschen wiederum stellen dank VW gerade ihren Ruf in Sachen Qualität, Verlässlichkeit und "öko" infrage.

Speziell bei den Österreichern wäre noch eine weitere unangenehme Eigenschaft zu erwähnen: Wir haben gute Ideen für andere, ohne selbst solidarisch zu sein. So fordert der Außenminister ein militärisches Eingreifen im Nahen Osten, weil sonst Millionen in die EU strömen. Aber wer ist gemeint? Österreichs Heer jedenfalls nicht. Und wenn unser Bundeskanzler bei einem EU-Sondergipfel von der vereinbarten, höheren UN-Hungerhilfe spricht, dann darf man gespannt sein, ob nun auch die mickrige österreichische Entwicklungshilfe erhöht wird.

Wir glauben, eine liberale Gesellschaft zu sein, doch wer sich nicht dem Mainstream der Meinungsbildner beugt, läuft Gefahr, im digitalen Dorf verbal "gesteinigt" zu werden.

Ja, wir müssen die Errungenschaften von 200 Jahren Aufklärung mit aller Kraft verteidigen – auch gegen Vernunftfeinde in den eigenen Reihen.

Kommentare