über Kultur in Wahlkampfzeiten
07/22/2013

Lassen wir die Intrige noch auf der Bühne

Eine Festspiel-Eröffnungsrede, die zu vielen Orten passt, die aber nie gehalten werden wird.

von Gert Korentschnig

Kulturpolitik, das ist für viele nur ein Mittel, um sich im Glanz der Publikumslieblinge zu sonnen.

Gert Korentschnig | über Kultur in Wahlkampfzeiten

Sehr geehrte Regierungsmitglieder, sehr geehrter Herr Landeshauptmann, Herr Bezirkshauptmann, Herr Vizebürgermeister, hochgeschätzte Geldgeber, werter Herr Generalintendant, Frau Honorarkonsul, verehrtes, umworbenes Publikum!

Es ist eine große Freude, Sie hier heute alle bei der Eröffnung in ... (Ort nach Bedarf einzusetzen, Anm.) begrüßen zu dürfen, obwohl Sie ja bei diesen Temperaturen bestimmt auch bedeutend lieber am Strand wären. Aber so ist das nun einmal in Wahlkampfzeiten, dass Sie sich alle, ob Sie es nun wollen oder nicht, auch mit Kunst und Kultur auseinandersetzen müssen.

Ja, es gibt in der Politik auch Verantwortungsträger, die verstanden haben, wie wichtig Kulturförderung ist und ihre Festivals oder sogar spektakuläre Neubauten massiv unterstützen. Aber nicht wenige würden doch, Hand aufs Herz, am allerliebsten die Subventionen kürzen und vor der Wahl andere Zuckerln oder sogar Hunderter an die Menschen verteilen. Wenn da nicht die lästigen Künstler und das böse Feuilleton wären, die sofort Stimmung gegen derartige Ansinnen machen ...

Kulturpolitik, das ist für viele nur ein Mittel, um sich im Glanz der Publikumslieblinge zu sonnen. Und Intendanten zu bestellen, die aber ja nicht aufmüpfig werden dürfen. Falls diese das aber dennoch tun, muss ihnen so rasch wie möglich der Kopf gewaschen werden.

Kein Verlass mehr

Früher einmal, da war die Welt einfacher: Da standen die Roten für eine offene, liberale und die Schwarzen für eine konservative Kulturpolitik. Nicht einmal auf solche Klischees ist mehr Verlass: Heute sind bürgerliche Kollegen oder bürgerlich regierte Regionen oft wesentlich kulturaffiner als andere. Aber reden wir bei diesem freudigen Anlass nicht nur über Politik und das liebe Geld, sondern kommen wir zum künstlerischen Programm und dazu, was wir uns vom Festival wünschen – wobei ja, ehrlich gesagt, egal ist, was wir uns wünschen, sondern viel wichtiger, was das Publikum begehrt.

Also schön wäre es, wenn die Qualität der Aufführungen nicht nach der Promi-Dichte im Publikum beurteilt wird; wenn der Erfolg davon abhängig gemacht wird, was auf der Bühne passiert; wenn erst einmal auf die Premiere gewartet und nicht der mediale Hype vorab als Maßstab genommen wird; wenn die Substanz wichtiger ist als die Quantität der Veranstaltungen; wenn nicht Kategorien wie altmodisch oder modern zählen, sondern gut oder schlecht; wenn es auf der Bühne auch um komplexe Themen gehen darf, nicht nur um seichte Unterhaltung; wenn das Feuerwerk die Zugabe, aber nicht Hauptattraktion ist; wenn man Karten kriegt, die nicht mehr kosten als das anschließende Menü; und wenn es weiterhin Konsens gibt, dass sich das Kulturland Österreich hochklassige Festivals leisten muss.

Freuen Sie sich in diesem Sinne auf einen anspruchsvollen, lehrreichen, schönen Festspielsommer, bei dem die Intrige auf der Bühne stattfindet. Der Herbst mit dem wirklichen, traurigen Wahlkampf kommt früh genug.

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