antwortet auf einen offenen Brief
08/28/2014

Religionskritik statt verbrecherischer Religionsauslegung

Ein Islam-Kommentar von Martina Salomon hat hohe Wellen geschlagen. These: Österreich müsse radikal-islamischen Tendenzen im Land schärfer entgegentreten. Das hatte sehr viel Zustimmung, aber auch einen offenen Brief zur Folge, auf den Salomon hier antwortet.

von Martina Salomon

Würden Katholiken noch immer als Kreuzritter durch die Welt ziehen, würde ich meine eigene Religion dafür auch kritisieren.

Dr. Martina Salomon | antwortet auf einen offenen Brief

Sehr geehrte Frau Dr. Emel Yücel!

Es tut mir leid, dass Sie ein Artikel von mir "traurig" stimmt. Als Muslimin und Mutter müssten Ihnen aber wegen vieler anderer Vorkommnisse Tränen kommen. Ich jedenfalls bin tief bewegt über die Fernseh-Auftritte verzweifelter Eltern, die bei selbsternannten "Kalifen" um das Leben ihrer Kinder flehen. Und ich bin entsetzt, dass einem dieser Söhne dann dennoch im Namen des Islam, und das noch vor laufender Kamera(!), die Kehle durchgeschnitten wurde. Warum treten Sie nicht laut gegen diese bestialischen Taten auf, die den friedlichen Muslimen in aller Welt schweren Schaden zufügen?

Ich wäre an Ihrer Stelle nicht über die Kritiker einer verbrecherischen Religionsauslegung entsetzt, sondern über jene, die Ihre Religion dazu missbrauchen, Christen auf der ganzen Welt zu töten, zu vertreiben und zu verfolgen und andere zu verhetzen, dasselbe zu tun.

Wundert es Sie wirklich, dass Christen Angst vor dieser Art des Islam haben und auch nicht wollen, dass er sich in unseren Gesellschaften breitmacht? Würden Katholiken noch immer als marodierende Kreuzritter durch die Welt ziehen, würde ich übrigens meine eigene Religion dafür auch kritisieren.

Liberale Muslime, von denen ich für meinen Kommentar übrigens ganz großen Applaus und Unterstützung erhalten habe, wissen, dass man sich von diesen Verirrungen eines angeblich "politischen Islams" entschieden abgrenzen muss. Nirgendwo in meinem Kommentar stelle ich den Islam, eine einst ungemein tolerante und fortschrittliche Weltreligion oder die Existenz von Musliminnen und Muslimen in Österreich in Frage. Da ich nicht nur in der Innenstadt, wie von Ihnen unterstellt, bin, sondern sehr, sehr häufig auch in Wiener Außenbezirken, weiß ich ziemlich gut Bescheid über das Zusammenleben in der Stadt und leider auch über wachsende Tendenzen zum Leben in einer rückständigen Parallelwelt.

Mit freundlichen Grüßen! Martina Salomon

Liebe Frau Martina Salomon,

Gestern Nacht haben Sie mich zum Weinen gebracht.

Ich bin traurig... Traurig über das verallgemeinernde Ausgrenzen, über das Schlechtmachen und Schlechtreden und Verleumden meines Glaubens, meiner Überzeugungen, geliebter Menschen, der Musliminnen und Muslime Österreichs und dem, was ich bin.

Ich bin Österreicherin, ich bin waschechte Wienerin, ausgegrenzt und verleumdet... Von Ihresgleichen... Weil nicht katholisch, weil nicht agnostisch oder andersgläubig, sondern weil muslimisch..

Ich frage Sie, wo sind Respekt und Nächstenliebe?

Ich fühle mich hintergangen und verleumdet, wenn ich diesen Artikel lese... Den Artikel einer Journalistin, die keinen Kontakt zur muslimischen Community und keine Ahnung hat, was in Österreich passiert abseits Ihrer Parallelwelt in der Wiener Innenstadt. Haben Sie eine Ahnung, was Ihre Worte bewirken? Was Ihre Worte für Menschen bedeuten?

Woher nehmen Sie sich das Recht meine Existenz infrage zu stellen? Wie kommen Sie auf die Idee, ISIS oder andere Verrückte hätten mehr Legitimität über den Islam als die Musliminnen und Muslime Österreichs?

Als ich gestern Nacht Ihren Artikel gelesen habe, habe ich weinend zu meinen zwei kleinen Kindern, ein und drei Jahre alt, gesehen, wie sie friedlich in ihren Betten schliefen und mir die Frage gestellt, die ich mir noch nie derart gestellt hatte: Haben wir, haben meine zwei kleinen, unschuldigen Engel, eine Zukunft in diesem Land, in unserer Heimat, das uns zunehmend als Gefahr sieht?

Ich bin es leid, mich als bekennende, praktizierende Muslimin aus Österreich erklären, rechtfertigen zu müssen, dass ich Teil meiner Gesellschaft bin, nur weil ich anders aussehe, anders heisse oder an etwas anderes glaube als die Mehrheit!

Falls Sie wissen wollen, wer diese Frau ist, die Ihnen schreibt: Meine Familie ist seit fast einem halben Jahrhundert Teil der österreichischen Gesellschaft. Sie haben dieses Land nach dem 2. Weltkrieg mit aufgebaut. Meine Grosseltern haben schon in Österreich gelebt. Sie und ihre Kinder haben alle gearbeitet. Es gab kein Ausruhen. Meine Eltern haben sich hier kennengelernt, verliebt und hier haben sie geheiratet. Hier bin ich zur Welt gekommen. Ich war als Baby nicht lange mit meiner Mutter zuhause. Sie hat mich früh in eine Krippe geschickt und wieder gearbeitet, in der Wäscherei, wo sie davor hochschwanger mit mir, an der grossen Dampfpresse gearbeitet hat, in der Hitze im Hochsommer, und ich, vermutlich durch diese Anstrengungen, früher als erwartet das Licht Wiens erblickte. Hier in Wien bin ich in den Kindergarten, ins Gymnasium und zur Uni gegangen. Hier bin ich erzogen, mitgeprägt und groß geworden. So wie viele andere auch.

Ich bin heute Ärztin und habe sowohl während der Studienzeit als auch nach meiner Promotion gearbeit, in verschiedenen Bundesländern Österreichs, da es zu dem Zeitpunkt schwer war, in Wien eine Arbeit zu finden. Ich schreibe das dazu, weil ich das Vorurteil allzu gut kenne, dass muslimische Familien "Sozialschmarotzer" seien..

Falls Sie jetzt denken, was sich viele denken werden, möchte ich festhalten:

Ich bin keine Ausnahme und keine Minderheit! Es gibt eine wachsende Anzahl an muslimischen Österreicherinnen und Österreichern, die eine gute Ausbildung haben, an der Berufswelt und am sozialen Leben Österreichs teilnehmen. Wer es sehen will und die Augen öffnet, der/die sieht es auch...

Sehen Sie sich auch um. Öffnen Sie Ihre Augen!

Was soll dieser anscheinend ohne jegliches Vorwissen und jeglicher Recherche geschriebene, von Vorurteilen protzender, alles anderem als der Realität entsprechende Artikel???

Wie gesagt: Ich bin Muslimin, Österreicherin und ich bin Wienerin. Österreich und Wien sind ein großer Teil von mir sowie ich ein Teil Österreichs und Wiens bin.

Ich hoffe und bete zu Gott, dem Gott aller monotheistischen Religionen, dass das meine letzte Träne zu diesem Thema war und dieser Brief meine letzte Rechtfertigung meines Daseins sowie der Existenz muslimischer Österreicherinnen und Österreicher.

Die notwendige und menschliche Verurteilung von Terror darf nicht zur Paranoia gegenüber allem Islamischen werden. In schweren Zeiten wie dieser sind wir alle herausgefordert, gemeinsam, Hand in Hand, für Frieden und Zusammenhalt in unserer Gesellschaft zu sorgen. Hetze und verbale Aufrüstung werden Gewalt bringen so wie es vor wenigen Tagen auch in Favoriten passiert ist. Wir brauchen differenzierte und sensible Worte um den sozialen Frieden in unserem Land zu gewährleisten.

Mit freundlichen Grüßen,

Dr.med.univ. Emel Yücel

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