"Gewalt als rasch verfügbare Ressource"

Der Gedenkakt zum 80. Jahrestag des Überfalls der Hitler-Truppen zeigt: Wir müssen weiter darüber reden.

Wir müssen weiter darüber reden.

Dr. Helmut Brandstätter | über den Überfall der Hitler-Truppen

Andre Heller schloss seine Rede in der Wiener Hofburg mit dem Appell, wir alle sollten die "Muttersprache Mitgefühl" lernen, begonnen hat er mit einer genauen Schilderung der Verhaftung seines Vaters, des Zuckerlfabrikanten Stephan Heller, am 12. März 1938: "Wo is da Jud?"

Die Bandbreite zwischen unfassbaren Verbrechen und mutigen Leistungen im Widerstand kam in allen drei Reden des würdigen Festaktes vor. Und der Appell, nie zu vergessen. "Es gibt keine Entschuldigung für selbst verschuldete Unwissenheit, Wegschauen, historische Ignoranz, für Relativierungen" betonte Bundespräsident Alexander Van der Bellen. Und Bundeskanzler Sebastian Kurz: "Unsere Generation hat eine besondere Verantwortung, das Wissen weiter zu geben. Wir dürfen aber nicht beim Gedenken stehen bleiben, wir müssen auch aus der Vergangenheit lernen. Die wichtigste Lehre ist, dass wir aktiv unseren Rechtsstaat und unsere demokratischen Grundwerte schützen." Dies wiederum griff Andre Heller auf, der betonte, dass freie Medien zu den wesentlichen Grundlagen der Demokratie gehören.

Das eine sind die politischen Entwicklungen der 1930er Jahre, wo Elend, Militarisierung der Gesellschaft, Intoleranz und Hass bei uns zunächst zur österreichischen Diktatur, dann zum "Anschluss" und schließlich zu Holocaust und Weltenbrand führten. Das andere sind die menschlichen Schicksale, die der Täter und die der Opfer. Beides müssen wir uns im Detail ansehen, um daraus lernen zu können. Die politische Analyse fällt leichter als zu verstehen, was Menschen anderen Menschen angetan haben.

Nie wieder – dafür müssen wir aber etwas tun

"Gewalt ist eine rasch verfügbare Ressource", meinte der Psychiater Paulus Hochgatterer in einem eingespielten Film. Ein wichtiger Hinweis. Wir Nachgeborenen stehen stets fassungslos vor den Bildern, wo die jüdischen Nachbarn von gestern verhöhnt und gequält werden. Das würden wir doch nie tun, oder? Und dann lesen wir auf Facebook, wie Menschen – ja Menschen – die hier im Wohlstand leben, anderen die schrecklichsten Schicksale wünschen, sich freuen, wenn Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken und auch zu Gewalt aufrufen.

Nie wieder?

Ja, nie wieder. Aber das heißt, genau hinsehen, wo Unrecht passiert. Das heißt auch, ganz schnell skeptisch werden, wenn Politiker erklären, sie wüssten, was der Volkswille ist, den es jetzt ganz schnell umzusetzen gelte. Und wenn Politiker auf die vielen komplexen Herausforderungen unserer Gesellschaft schnelle Antworten haben, müssen wir auch gleich skeptisch sein. Demokratie ist stets auch mühsam.

Keiner von uns weiß, wie wir damals gehandelt hätten, niemand soll sich die Überheblichkeit leisten, sie oder er hätte richtig gehandelt. Aber wir wissen heute, dass Konzentrationslager und Shoa am Ende einer Entwicklung standen, die mit Fanatismus und Jubel begannen.

( kurier.at ) Erstellt am 12.03.2018