Meinung | Kolumnen | über LEBEN
06/25/2016

Eine Tochter der Angst

Wie ich die U6 überlebte. (Und das Burgtheater).

Leben ist immer lebensgefährlich.

Guido Tartarotti | über das Überleben in U6 und Burgtheater.

Ich kann mich an ein Gespräch mit meinem Großvater erinnern, das seine Persönlichkeit perfekt beschreibt. Er schimpfte hochroten Kopfs über das Burgtheater – dort seien nur noch Nackte zu sehen, es werde auf offener Bühne die „echte“ Notdurft sowie „echter“ Geschlechtsverkehr verrichtet. Ich entgegnete: Opa, wie oft warst du schon im Burgtheater? Er antwortete empört: „Noch nie! Ich geh doch nicht in so ein abstoßendes Theater!“ Das ist ungefähr so logisch, als würde man sagen: Ich habe noch nie Fisch gegessen, denn Fisch schmeckt mir nicht. Als ich meinem Großvater sagte, dass ich als Kulturjournalist sehr oft im Burgtheater sei und nur selten Nackte und überhaupt noch nie „echte“ Notdurft oder „echten“ Geschlechtsverkehr auf dessen Bühne gesehen habe, beeindruckte dies meinen Großvater keineswegs. Er wisse es besser – „aus der Kronen-Zeitung“.

Ungefähr zu dieser Zeit – es muss vor etwa 20 Jahren gewesen sein – beschwor mich meine Großmutter mit Tränen im Gesicht, auf keinen Fall die U-Bahn in Wien zu benutzen. Denn dort lauerten überall „Haschischsüchtige, Gammler und Messerstecher“, stets bereit, arglose Passanten zu meucheln, wenn nicht Ärgeres. Wie oft warst du schon in der Wiener U-Bahn, Omi? „Noch nie. Das ist mir zu gefährlich.“ Aber sie wisse über die U-Bahn besser Bescheid als ich (der damals täglich mit der U-Bahn fuhr) – denn sie lese ja die Krone.

Zuletzt musste ich aus beruflichen Gründen sehr oft mit der U6 fahren, der angeblichen Horror-Linie, und zwar auch nachts. Ja, es stinkt dort oft, man sieht Menschen, die man sonst gerne aus seiner Wahrnehmung ausblendet, aber ich erlebte nicht den Hauch einer Aggression. Natürlich kann einem immer etwas passieren, leben ist immer lebensgefährlich, wusste schon Kästner. Aber rein statistisch betrachtet ist jede Fahrt auf der Südosttangente lebensgefährlicher als die U6. Meine Großeltern würden es trotzdem nicht glauben. Die Wahrheit ist eine Tochter der Angst.

Guido Tartarottis neues Kabarettprogramm "Selbstbetrug für Fortgeschrittene" hat am 2. September im Niedermair in Wien Premiere. Zweite Vorstellung am 22. September im Theater am Alsergrund.