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26.08.2017

Das Rosinen-Experiment

Man schreibt "Mjam, Rosinen!" und schaut, was passiert.

Man schreibt ,Mjam, Rosinen!' und schaut, was passiert.

Guido Tartarotti | über Sozialmedien-Rituale.

Beim letzten Mal unterhielten wir uns über die Zumutung des Andersseins: Immer mehr Menschen verlernen offenbar die Fähigkeit zu ertragen, dass andere anders sind. Auf Facebook und Twitter verlieren sie die Fassung, nur weil jemand etwas schön findet, das sie selbst nicht mögen.

Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang das Rosinen-Experiment. Dieses geht ganz einfach: Man deponiert in den sozialen Medien zwanglos das Wort „Rosinen“ („Kaiserschmarrn mit oder ohne Rosinen?“ – es reicht aber auch ein banales „Mjam, Rosinen“) und schaut, was passiert.

Und es passiert immer folgendes: Innerhalb von Sekunden kommen die ersten Kommentare, rasch entwickelt sich eine Flut, die tagelang anhalten kann, manchmal abflaut – und dann plötzlich wieder anschwillt. Zu Rosinen gibt es im Prinzip wenig zu sagen – der eine mag sie, der andere halt nicht – dennoch wird mit einer unfassbaren Ausdauer diskutiert, anfangs meist betont „witzig“, später nicht selten erbittert und untergriffig.

Bald öffnen sich Abzweigungen zu anderen Themen, manche kommen von den Rosinen bis zu Weltpolitik. Und bald erscheinen auch die unvermeidbaren Begleiter jeder Debatte, die Mahner („Gibt es nichts Wichtigeres?“), die halblustigen Drübersteher („Achtung, in China ist gerade ein Reissack umgefallen“), die moralisch Überlegenen („Rosinen nur aus Fairtrade-Handel!“) und die coolen Metaebenendurchblicker („Oh, schon wieder eine Rosinendebatte, dafür wurde Twitter ja erfunden“).

Der Spaß dabei: Da es um eine reine Geschmacksfrage geht, kann niemand recht haben. Da wir Menschen aber gerne Bestätigung kriegen (bzw., wenn wir uns als Ausnahmen konstruieren, die Ablehnung als Betriebsstoff brauchen), ist die Rosinen-Diskussion eine an sich selbst berauschende Party, die erst endet, wenn vor Erschöpfung niemand mehr stehen kann.

Nächstes Mal reden wir dann aber wirklich über: die Hitze.

Guido Tartarottis Kabarettprogramm "Selbstbetrug für Fortgeschrittene" ist am 11. September im Kabarett Niedermair zu sehen, am 27. September im Theater am Alsergrund, am 29. September in der Bühne im Hof in St. Pölten und am 5. Oktober in der Stadtgalerie Mödling.