Meinung | Kolumnen | Tagebuch
22.10.2017

Unwürdiges Teamchef-Nachfolgespiel mit Schnapsideen

Das Argument, wonach der Rekordinternationale nie eine Vereinsmannschaft trainiert habe, ist legitim.

Wolfgang Winheim | über die ÖFB-Suche

Spotten über den Fußballbund ist zeitlos modern. "Das einzige, was beim ÖFB funktioniert, ist die Mittagspause", meinte Max Merkel (Meister mit 1860 München, Nürnberg und Atlético Madrid) schon vor genau vor 40 Jahren.

Als der Wiener Startrainer noch nicht wissen konnte, dass Herbert Prohaska ein paar Tage später Österreich mit dem "Spitz von Izmir" (1:0 gegen Türkei) zur WM 78 nach Argentinien schießen würde; als Österreich noch über keine Nachwuchszentren verfügte; als der Personalstand des ÖFB nicht einmal ein Zehntel des heutigen betrug; als es noch kein Frauen-Team und auch noch keinen Sportdirektor gab.

Dass der neue Sportdirektor Peter Schöttel, 50, schon kurz nach Amtsantritt seinem Arbeitsplatz im Prater eine Woche krankheitsbedingt fernbleiben musste, wird sicher nicht daran gelegen haben, dass sich der gertenschlanke 64-fache Internationale beim Mittagsmenü am Würstelstand vorm Happel-Stadion zu viel zugemutet hat. Eher werden Schöttel die wenig euphorischen Reaktionen auf seine Bestellung im Magen liegen.

Auch erwies NÖ-Präsident Johann Gartner dem neuen Sportdirektor keinen guten Dienst, indem er als Schöttel-Befürworter "mehr Fußball statt Wissenschaft" einforderte. Prompt wurde die Äußerung des Ziersdorfer (auch für den Radlbrunner Wohnort von Ex-Langzeitlandeshauptmann Erwin Pröll zuständigen) Bürgermeister Gartner als Indiz für ein "Zurück in die Steinzeit" interpretiert. Einer wie Hans Krankl hätte derlei Gedankengänge seiner Generation 60+ sicher anders formuliert und sinngemäß gefragt: Was helfen einem Spieler, denen bei allem Respekt vor Laktat und anderen sportmedizinischen Werten, der Ball beim Stoppen zwei Meter wegspringt?

Oberflächlich

Gewiss, auch Krankl gilt nicht als Liebhaber tiefschürfender Analysen. Seine Teamchef-Ära mit jener von Marcel Koller zu vergleichen ist aber allein schon deshalb ungerecht, weil ihm nicht annähernd so viele Legionäre zur Verfügung standen wie zehn Jahre später dem Schweizer Koller.

Heute wird Krankl für Sky das Derby Austria – Rapid kommentieren, während Sky-Kollege Andreas Herzog, 49, pausiert. Bereitet sich Letzterer schon auf’s Teamchefamt vor? Allein diese Frage droht wieder in diversen Foren ein Herzog-Bashing auszulösen.

Das Argument, wonach der Rekordinternationale nie eine Vereinsmannschaft trainiert habe, ist legitim. Nur haben sich die Herzog-Gegner in weit mehr als 1000 Online-Beiträgen bedenklich im Ton vergriffen. Fehlt nur noch, dass sich Herzog dafür entschuldigen muss, dass er 103 Länderspiele bestritt; dass er Österreich zur WM 98 schoss; dass er gemeinsam mit Schöttel (Achtung Haberer) zwei Mal an einer WM teilnahm; dass er bei der WM 2014 als Co-Trainer von Jürgen Klinsmann mit dem US-Team bis ins Achtelfinale kam; dass er privat wie sportlich nie in Skandale verwickelt war.

Untergriffig

Wie in der Politik verwechseln anonyme Poster Meinungsfreiheit mit Denunzieren. So musste sich Herzog von einem seiner unbekannten Online-Gegner gar ein Säufer-Image unterstellen lassen. Dabei ist Herzogs jährlicher Alkoholkonsum geringer als der Tagesbedarf manches Hardcore-Fans.