ĂĽber David Zwilling
02/10/2017

Vom Weltmeister zum Pilger

von Wolfgang Winheim

95-Kilo-Bröckerln sind gefragt, zu denen Zwilling erst als (vierfacher) Opa zählte.

Wolfgang Winheim | ĂĽber David Zwilling

Aus aktueller Sicht – vom Alter her – undenkbar: Österreichischer Abfahrtsdoppelerfolg durch einen 24- bzw. einen 20-jährigen. Dass sich der Kanadier Erik Guay, 35, zum ältesten Weltmeister der Skigeschichte krönte, ist nicht Zufall, sondern Trend. Zumindest im Highspeedbereich, in dem Erfahrung über jugendlichen Übermut triumphiert.

Bei der WM 1974 in St. Moritz war das noch anders. Als David Zwilling vor (dem noch nicht großjährigen) Franz Klammer siegte. Davor war Zwilling noch zur Rennsport-Kommission zitiert und gefragt worden, ob er sich die Abfahrt überhaupt zutraue. Wegen seines Ausscheidens im Riesenslalom begann man zu zweifeln. Tatsächlich galt Zwilling als Spezialist im Riesenslalom. Den ersten hatte er in Schweden gewonnen. Dank Liebes-Doping, wie Zwilling morgen in Servus TV (18.35 Uhr) sogar vor der Kamera zugeben wird. Teamkollege Werner Bleiner hatte Postillon d’amour gespielt, indem er Zwilling den Brief einer Schwedin übergab. "Ich habe ihn oben am Start geöffnet. I love you, stand drin. Daraufhin bin i Bestzeit g’fahren."

69 Kilo wog der Abtenauer Luftikus damals – ja sogar noch drei Jahre später beim WM-Sieg. Das ist im Abfahrtssport inzwischen ebenfalls undenkbar. 95-Kilo-Bröckerln sind gefragt, zu denen Zwilling erst als (vierfacher) Opa zählte. Bis er zum Pilger wurde und nach einem halben Jahr und 4600 Kilometern Fußmarsch am Ziel in Jerusalem um zehn Kilo weniger wog. Das war 2010.

In der Türkei, erzählt er, sei für ihn und seine zwei Wegbegleiter die Gastfreundschaft am größten gewesen. Und in Syrien? Dort habe sie ein Auto von Assads Geheimdienst mit Respektabstand verfolgt. "Erst wenn es dunkel wurde, sind sie näherkommen. Dann haben sie uns sogar zu einem Hotel gebracht."

Auch in Homs und Aleppo, in Städten, die inzwischen traurige Berühmtheit erlangt haben, konnte Zwilling ungehindert pilgern und danach – so wie 1974 in St. Moritz – gut schlafen.

Das ist, alle Sportproblemchen relativierend, zurzeit erst recht unvorstellbar.

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