The show must go on: Erik Schinegger (mit Partnerin Lenka Pohoralek) wurde zum Publikumsliebling.

© APA/ORF/MILENKO BADZIC

über Erich Schinegger
04/13/2014

Falsche Scham hat ausgetanzt

von Wolfgang Winheim

Der Mann, der Weltmeisterin wurde, sammelt auf dem Parkett Sympathien.

Wolfgang Winheim | über Erich Schinegger

Frühjahr 1964: Um die größte Nachwuchs-Rennhoffnung an seine Firma zu binden, ließ der Tiroler Ski-Fabrikant Franz Kneissl dem bescheidenen Kärntner Bauernmadl Erika Schinegger in Kufstein ein Dirndl anmessen. 50 Jahre später stellt Schinegger bei den Dancing Stars seinen Mann. Zum vierten Mal vermied er, der sich in seinem Buch als Anti-Tänzer beschrieben hatte, sein Ausscheiden.

Der 66-Jährige wird die Show nicht gewinnen. Aber er wird mit seinem Dauerlächeln (gleichgültig, ob echt oder ein bissel gespielt) weiterhin vom Publikums-Voting und den Stimmen Älterer profitieren, die sich noch erinnern können, wie taktlos die Gesellschaft mit ihm nach dessen Geschlechtsangleichung umgegangen war.

Mitleid benötigt der zum zweiten Mal verheiratete Vater einer erwachsenen Tochter, die ihm sehr ähnlich sieht, längst nicht mehr. Obwohl sein Schicksal einem Slalom glich zwischen Schulterklopfern, Demütigungen und Heuchelei. Aus heutiger Sicht klingt es unfassbar, ...

... dass Schulärzte mit ihrer Diagnose "Leistenbruch" beim pubertierenden Ski-Talent dermaßen falsch lagen;

... dass Ski-Österreich mit Schineggers Gold im Damen-Abfahrtslauf vom Debakel der anderen bei der WM 1966 in Portillo (Chile) ablenkte, obwohl verbandsintern sehr wohl schon Zweifel an Erikas Weiblichkeit bestanden;

... dass die Weltmeisterin erst vor Olympia 1968 nach internationalem Druck und einem entwürdigenden Sex-test aus dem Rennverkehr gezogen wurde;

... dass der Kärntner Skiverband noch fünf nach zwölf gegensteuerte, indem per Express-Brief männliche Zeugen angeführt wurden, die beteuerten, mit der Weltmeisterin sexuellen Kontakt gehabt zu haben. Burschen, die Schinegger zum Teil gar nicht namentlich kannte.

Zu dieser Zeit quartierte man den Mann in spe bereits unter falschem Namen in der Frauenabteilung der Innsbrucker Uniklinik ein.

Schinegger wurde vier mal operiert. Wobei die Eingriffe schon damals, zumal im Genitalbereich das Männliche (wenn auch nach innen gekehrt) vorhanden war, keinem chirurgischen Geniestreich mehr gleichkamen.

Nach der Spitalentlassung waren, wie der inzwischen verstobene Buchautor Marco Schenz im Namen Schineggers eindrucksvoll beschrieb, die seelische Qualen ungleich größer als der körperliche Schmerz.

Daheim im Bergbauerndorf wusste Schinegger nicht, ob er in der Kirche, wo eine Sitzordnung mit Geschlechtertrennung galt, an er linken oder rechten Seite Platz nehmen solle.

Flucht nach vorn

Mehr aus Unsicherheit suchte Erik die Öffentlichkeit. Ließ sich von einem Radteam und dessen Sponsor zum Nulltarif als neuen Star präsentieren im Blitzlichtgewitter.

Solche Auftritte und seine Auto-Leidenschaft als Porsche-Fahrer dienten dem damaligen hochangesehenen ÖSV-Trainerchef und obersten Ski-Akademiker Professor Franz Hoppichler als Vorwand, um Erik das Rennlauf-Comeback zu erschweren. Und das, obwohl Schinegger im Training mit den Männern mithielt und damit nachträglich Karl Schranz recht bekam, der schon bei gemeinsamen ÖSV-Zeitläufen vor der WM ’66 mitleidlos geätzt hatte: "A echtes Weiberleut’ schlagt mi net."

Zwischen 1970 und 1972 wurde Schinegger für ausländische Rennen nominiert, von denen man in Innsbruck schon wusste, dass sie wegen Schneearmut abgesagt werden würden. Schließlich verhängte Moralapostel Hoppichler auch noch Startverbot über den Kärntner. Und noch 33 Jahre später zeigte vom Verband außer Olympiasiegerin und Vizepräsidentin Olga Pall niemand Lust, sich für den Film Erik(a) von Produzent Kurt Mayer vor die Kamera bitten zu lassen.

Heute weiß er, heißt es in seinem Buch, dass es dem ÖSV immer nur um Selbstschutz ging. Doch auch Selbstkritik des Verfassers dieser Zeilen ist angebracht.

Als ich 1966 als Reporter-Lehrbub meine erste Auslands-Dienstreise antreten durfte, berichtete ich euphorisch von der Ankunft "unserer Ski-Heldin Erika" auf dem Münchner Flughafen.

Als aber bei der Staatsmeisterschaft 1972 in Hinterstoder "befürchtet" wurde, dass der Trainingsbeste Schinegger trotz aussichtslos hoher Nummer 59 noch siegen würde, war ich erleichtert, dass die Sensation ausblieb und er nur 32. wurde.

Heute ist die Mediensituation eine ganz andere. Heute würden Enthüllungsreporter die Klinik belagern, Boulevard-Blätter Grafiken von den Genitalien zeigen, TV-Sender die Pressekonferenz der Chirurgen direkt übertragen. Und ich rätsle, welche Zeit die bessere war/ist: jene, in der falsche Scham dominierte? Oder die aktuelle, in der alles plakativ angeprangert und keine Privatsphäre akzeptiert wird?

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