Für sechs Euro vier Tore beim Reblaus-Derby

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Im Heurigenviertel wartet auf Österreichs ältesten Verein der erste Punktekampf im sportlichen Niemandsland.

Wolfgang Winheim | über den unheimlichen Hirscher

Ein Samstag fernab vom Bundesliga-Fußball: In Gratkorn bei Graz dürfen "nur" 1000 Menschen anlässlich der Partie GAK vs. Austria Salzburg (4:1) ein Spektakel veranstalten, weil die Behörde aus Sicherheitsgründen nicht mehr Fans zuließ. In Wien-Nußdorf wird das Reblaus-Derby zwischen NAC und Vienna mit zehnminütiger Verspätung angepfiffen, weil die Leut’ vor der Kasse in der Grinzingerstraße 111 noch Schlange stehen.

Der Unterschied: In der Steiermark handelt es sich um ein freundschaftliches Nostalgietreff zweier Landesligisten, deren Frühjahrsmeisterschaft noch nicht begonnen hat. Im Wiener Heurigenviertel wartet auf Österreichs ältesten Verein, auf den First Vienna Football-Club, der erste Punktekampf im sportlichen Niemandsland.

Wie etliche Traditionsklubs zuvor war die Vienna in den Konkurs geschlittert, trotz Regionalliga-Platz eins im Sommer 2017 an der Rückkehr in die Bundesliga gehindert und zum Jahreswechsel in die zweite Wiener Landesliga (= fünfthöchste Leistungsstufe) strafversetzt worden. Was auch nur möglich war, weil die "Erste" der Vienna ab sofort den Platz der Vienna-Zweiermannschaft einnehmen darf.

In Anbetracht eines 21- Punkte-Rückstandes auf Tabellenführer WAF Brigittenau dürfte die Vienna den Aufstieg in die Wiener Stadtliga kaum schaffen, obwohl ihr – unter Regie des Ex-Rapidlers Markus Katzer – auf dem Nußdorfer Kunstrasen ein paar Kunststückerln plus ein 4:0-Sieg gelingt.

Ungeachtet der tristen Ausgangslage versammelten sich Vienna-Fans auf der Hohen Warte, um nach einem Grillfest gemeinsam nach Nußdorf zum ersten Derby seit 50 Jahren zu marschieren. Das letzte hatte 1968 in der zweithöchsten Spielklasse mit einem 4:3 für Vienna gegen nur neun NAC-Recken geendet. Als fast 4000 Leute rund um ein schiefes Nußdorfer Morastfeld (Niveauunterschied von Tor zu Tor 1,7 Meter) drängten; als der spätere Swatch-Generaldirektor Rudolf Semrad wegen einer Spuckattacke (die dieser noch heute bestreitet) an Vienna-Starstürmer Horst Nemec ausgeschlossen wurde; und als nach einem derben Derby massiver Funkstreifen-Einsatz notwendig war.

Diesmal forderte der einstige Mitkämpfer und nunmehrigen NAC-Obmann Alfred Grill keinen einzigen Polizisten an. "Weil die heutigen Vienna-Anhänger alle friedlich sind.", sagt Grill, ehe ihm an der Kasse die Sechs-Euro-Karten ausgehen.

Die Einnahmen vom Reblaus-Derby mit rund 500 Zuschauern werden in den Nachwuchs investiert. Laufen doch nicht weniger als 250 Jugendliche, unter ihnen Promi-Kinder genauso wie solche mit Migrationshintergrund, im Nobelbezirk mit NAC-Trikots dem Ball hinterher. Gelebte Integration steht beim Zehnten der fünften Leistungsstufe an erster Stelle.

( kurier.at ) Erstellt am 05.03.2018