Doppelbödige Moral

Am Montag wird er 50. Am Samstag wurde Toni Polster von der Austria in Favoriten geehrt. Dort, wo ihm Frank Stronach 2005 Stadionverbot erteilt hatte. Polsters Kicker-Leben war stets von Vorurteilen begleitet.

Als er 16 war, meinte der damalige Austria-Trainer (und anerkannte Fachmann) Erich Hof, dass dieser Bursche nie einer für die oberste Liga werde.

Als Polster 1989 vor Anpfiff des entscheidenden Wiener WM-Qualifikationsspiel gegen die DDR gnadenlos ausgepfiffen wurde, revanchierte sich der Buhmann mit drei Toren.

Als dem Wiener trotz eines trefferreichen fünfjährigen Spanien-Gastspieles (83 Tore) ein Scheitern beim Wechsel in die Deutsche Bundesliga prophezeit wurde, avancierte Polster aller Unkenrufe zum Trotz zum Kölner Publikumsliebling und "Toni Doppelpack".

Als ihm vor acht Monaten bei Admira kein Trainereinstand nach Maß gelang, ließen die Südstädter Polsters Entlassung auch noch rufschädigende Begründungen folgen.

Jetzt ist Polster Ostliga-Trainer bei Wiener Viktoria. Als solcher litt er Freitag in Schwechat bei einem 0:2 auf der Bank. Womit er, der Ex-Dancing-Star-Finalist, weder die neue Staffel im ORF, noch bei Sky das 2:1 von Peter Stögers FC Köln gegen Cottbus sah.

In Köln genießt Polster noch immer Kultstatus. Auch bei Borussia Mönchengladbach redet niemand über ihn so abfällig wie bei der Admira. Im Gegenteil. Mit Wiener Schmäh hatte er nach Karriereende als Marketing-Lehrling zur vollsten Zufriedenheit der Gladbacher Klubführung zig Kleinsponsoren lukriert und betreut.

Große Tiere und Kleinvieh

Inzwischen haben die meisten deutschen Bundesligaklubs Konzerne als Geldgeber, während die Sponsorsuche hierzulande (Salzburg dank Red Bull ausgenommen) notgedrungen nach dem Motto "Kleinvieh macht auch Mist" abläuft und speziell Zweitligakicker für ein paar Euro zugepflastert mit Werbung auf Stutzen, Ärmel und Po herumlaufen.

Der FC Gratkorn musste, nachdem die Hilfe eines Bestattungsunternehmens ausgeblieben war, in der zweiten Bundesliga eingeäschert werden. Der TSV Hartberg indes lebt wieder auf und lässt passend dazu auf seinen Trainingsanzügen das Logo des pharmazeutischen Samenspende-Produkts Profertil anbringen.

Gespottet wird über ungewöhnliche Sponsoren längst nicht mehr. Auch die Liga-Führung ist erleichtert, dass mit Wettanbieter Tipico ein neuer Hauptsponsor gefunden wurde. Obwohl der Vorwurf der Unvereinbarkeit in von Wettskandalen getrübten Zeiten wie diesen kaum ausbleiben wird.

Zu hohe moralische Ansprüche können nicht gestellt werden. Weder in Österreich, wo der olympische Sport ohne Casinos Austria und Lotterien ausgespielt hätte. Noch in Deutschland, wo über Wladimir Putin geschimpft, aber Schalke 04 mit etlichen Millionen vom russischem Gazprom-Monopol g’schmiert wird.

Auch Europas Fußball-Union kassiert und schweigt: Gazprom ist Hauptsponsor der UEFA Champions League.

(kurier) Erstellt am
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