Meinung | Kolumnen | Schule
22.10.2012

Zivilcourage schützt vor Mobbing

Attacken im Internet haben eine Schülerin in den Tod getrieben. Wie Täter, Opfer und Außenstehende mit Mobbing umgehen.

Die kanadische Schülerin Amanda Todd ist tot. Die 15-Jährige hat sich das Leben genommen, weil sie über das Internet verspottet, bedroht und erpresst wurde. Kurz vor ihrem Tod erzählte das Mädchen auf der Video­plattform YouTube, welches Martyrium sie zuvor erlitten hatte.

Ihre Geschichte: Amanda hatte als 12-jähriges Mädchen über das Netz einen jungen Mann kennengelernt. Er überhäufte das Mädchen mit Komplimenten und überredete sie, ihm über eine Webcam ihre Brüste zu zeigen. Ein Jahr später erpresste er Amanda: Wenn sie ihm nicht weitere Nacktfotos schicke, werde er das Webcam-Bild ins Netz stellen. Amanda weigerte sich. Der Mann tat, was er angedroht hatte.

Amanda war schwer getroffen. Sie wurde depressiv, schluckte Tabletten und trank Alkohol. Sie wurde psychologisch betreut, wechselte Wohnort und Schule. Nichts nutzte. Im Gegenteil: Amanda wurde weiter gemobbt – nicht nur vom Erpresser. Auch andere riefen dazu auf, sie zu ignorieren oder zu verprügeln. Nach dem ersten, gescheiterten Selbstmordversuch schrieben einige auf ihre Facebook-Seite, sie möge beim nächsten Mal bitte eine andere Sorte Bleichmittel trinken und es "richtig machen". Wie sie sich als Mobbingopfer fühlte, erzählte sie in einem Video.

Weltweit

Von Mobbing und Cyberbullying (Mobbing im Internet) sind weltweit etwa 200 Millionen Kinder betroffen. Deshalb zerbrechen sich Forscher aus der ganzen Welt den Kopf darüber, wie man dem begegnen soll.

Die Bildungspsychologin Christiane Spiel organisierte in Wien eine gemeinsame Tagung der COST Action on Cyberbullying (siehe Bericht unten) , dem Unterrichtsministerium und der Universität Wien. Die Experten diskutieren, wie man Mobbing in Theorie und Praxis vorbeugen kann. Die sechs wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.

Wie wird Mobbing unter Schülern definiert?

Gewalt gegen andere Schüler, die absichtlich und über einen längeren Zeitraum ausgeübt wird. Ziel ist es, dem anderen zu schaden. Die Täter sind den Opfern zumeist überlegen. Das kann körperlich, intellektuell oder zahlenmäßig sein. Gewalt wird körperlich (Schlagen, Treten), verbal (Beschimpfungen) oder psychisch (Gerüchte verbreiten, ausgrenzen) ausgeübt.

Welche Initiativen gegen Mobbing gibt es an Schulen?

Das WiSK-Programm will Gewalt verhindern und soziale sowie interkulturelle Kompetenz fördern. Es richtet sich an Schüler, Eltern und Lehrer. Es ist ein Teil der nationalen Strategie zur Gewaltprävention "Weiße Feder" (www.gemeinsam-gegen-gewalt.at) . Den Lehrern kommt dabei eine wichtige Rolle zu: Prävention ist nur erfolgreich, wenn alle Pädagogen Mobbern auf gleiche Weise entgegentreten. Gemeinsame Aufgabe von Eltern und Lehrern ist, Kinder zu Zivilcourage zu erziehen.

 

Wie lernen Schüler, richtig auf Gewalt zu reagieren?

Opfer lernen in Rollenspielen, wie sie ihren Peinigern selbstbewusst entgegentreten, indem sie ihnen zum Beispiel sagen: "Von euch lasse ich mich nicht ärgern!" Schüler, die nicht direkt involviert sind, lernen richtig einzugreifen, indem sie Hilfe holen oder einfach "Aufhören!" schreien. In 50 Prozent der Fälle hören die Täter dann sofort auf. Täter lernen in Rollenspielen, sich in die Lage der Opfer hineinzuversetzen und so Mitgefühl für diese zu entwickeln.

Was versteht man unter Cybermobbing?

Drangsalieren und Beleidigen im Internet oder über Handy: Davon sind in Österreich vier Prozent der Jugendlichen betroffen – das ist relativ wenig im Vergleich zum "klassischen Mobbing". Oft findet Mobbing sowohl in der realen als auch in der virtuellen Welt statt. Nur 20 bis 30 Prozent sind "Cyberbullying-Spezialisten". Das Perfide: Das Opfer kann dem kaum entkommen, weil es Teil der sozialen Netzwerke ist. Weil die Täter das Opfer nicht sehen, können sie die Folgen ihres Handelns schwerer abschätzen und sind oft brutaler.

Während "klassisches Mobbing" häufiger von Burschen ausgeübt wird, sind es bei Cybermobbern etwa gleich viel Mädchen wie Burschen.

Wie sollen Jugendliche auf Cyber­attacken reagieren?

Wenn ein Mitschüler auf Facebook angegriffen wird, sollten Jugendliche für das Opfer öffentlich eintreten. Generell sollte es Ziel sein, dass Kinder und Jugendliche "ethisch digitale Bürger" werden.

Welche Folgen hat Mobbing für Täter und für Opfer?

Opfer haben häufig geringes Selbstvertrauen, sind depressiv und begehen in Extremfällen sogar Selbstmord. Täter sind laut Studien gefährdeter als andere Jugendliche, später alkohol- oder drogenabhängig bzw. kriminell zu werden. Die "unbeteiligten Dritten", die die Mobbingattacken nur beobachten, lernen nicht, wie man bei Gewalt einschreitet und andere unterstützt. Als Erwachsener fühlen sie sich weniger verantwortlich für die Gesellschaft.

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