Meinung | Kolumnen | Schule und der Rest des Lebens
18.02.2018

Manspreading

Kaum eine Öffi-Fahrt, nach der ich nicht deswegen nur mäßig gelaunt mein Tagwerk beginne.

Niki Glattauer | über "Manspreading"

Weil ich zuletzt die Unart von Damen angesprochen hätte, sich in Öffis mittels Handtasche den Nachbarplatz freizuhalten: Männer seien um nichts besser, mailt mir Gudrun H., und nennt den Fachausdruck: " Manspreading". Richtig, Frau H., Männer stecken ihr Revier ab, indem sie ihre Beine spreizen. Kaum eine Öffi-Fahrt, nach der ich nicht deswegen nur mäßig gelaunt mein Tagwerk beginne bzw. beende. Nicht so die Lehrerin in meinem neuen Buch "Ende der Kreidezeit" (aktuell übrigens Platz 6 in der offiziellen Bestsellerliste des Buchhandels :-)

Einmal wollte sich die Lehrerin Reingard Söllner, nachdem sie einen ganzen Unterrichtstag in dem denkmalgeschützten Schulhaus verbracht hatte, in der Straßenbahn auf einen vermeintlich freien Sitzplatz setzen. Sie hatte nicht nur einfach einen ganzen Tag in der Schule verbracht, sondern einen ganzen Unterrichtstag. Einen ganzen Unterrichtstag lang hatte sie 77.000 Schülern wieder einmal all das beizubringen versucht, was diese noch niemals von ihr wissen wollen. Tapfer brachte sie den Fußweg bis zur Straßenbahnstation hinter sich, tapfer wartete sie 17 Minuten auf den nächsten Zug, tapfer erklomm sie den Triebwagen und erspähte in einer letzten Kraftanstrengung ihrer müden Augen den letzten noch freien Sitzplatz.

Doch als sie sich setzen wollte, war da dieses rechte Bein eines links am Fenster sitzenden Mannes, weit abgegrätscht, starr und steif, und es bewegte sich um keinen Millimeter, als Reingard Söllner Platz nahm.

Das war an diesem Abend zu viel für sie. "Sind Sie Zwilling?", begann Reingard Söllner und tastete nach der Glock in ihrem Rucksack (Magazin in den Griff stecken). Der Mann reagierte nicht (Schlittenfang nach vor: Klick). "Ich habe Sie gefragt, ob Sie Zwilling sind, weil Sie zwei Sitzplätze brauchen? (Lauf auf das Ziel richten) Oder haben Sie zwei Jahreskarten, eine für sich und eine für Ihr rechtes Bein?" (Zeigefinger an den Abzug). Der Mann drehte sich langsam zu ihr. Er trug ein Hitlerbärtchen über der schmalen Oberlippe und ein Che-Guevara-T-Shirt über dem dicken Bauch. "Hast du was g’sagt, Mama?" Schuss. Dem ist an dieser Stelle nichts hinzuzufügen.