über Fußball in Österreich
02/06/2016

Warum die "Vision 2020" nicht real wird

von Paul Scharner

Der Erfindergeist geht mir bei der Bundesliga ab.

Paul Scharner | über Fußball in Österreich

Österreichs Bundesliga verschreibt sich der "Vision 2020". Ein Fixplatz in der Champions League und ein Zuschauerschnitt von 10.000 sollen in den vier Jahren bis 2020 erreicht werden (zum Faktencheck). Solche Visionen sind wünschenswert. Allein: Es braucht auch entsprechende Schritte. Da sehe ich nur einige Stolperer, aber kein geordnetes Vorangehen. Drei Problemfelder gibt es:

1. die Infrastruktur mit zu wenigen ansprechenden Stadien;

2. das unpassende Format in der Bundesliga; und das gewichtigste:

3. die fehlende Qualitätskontrolle, was Strategie, Management und Vereinsführung betrifft.

Der erste Punkt lässt sich im Vergleich mit der – von den Voraussetzungen her – ähnlichen Schweiz leicht untermauern: Es gibt in Österreich zu wenige Stadien, die das Produkt Bundesliga positiver erscheinen lassen können. Vorbildlich agiert in dem Bereich Rapid mit dem Allianz-Stadion.

Unpassendes Format

Um 10.000 Fans im Schnitt wirklich erreichen zu können, müssten einige in der Vergangenheit schlecht geführte Traditionsklubs wiederbelebt werden.

Dass das aktuelle Ligenformat 10 + 10 kein internationales Niveau hat, ist durch die Finanzprobleme vieler Zweitligisten offensichtlich. Wenn man etwas tiefer gräbt, zeigt sich auch, dass es nicht zu den zwölf Akademien passt. Für die begrenzte Anzahl an Arbeitsplätzen in der obersten Spielklasse werden Jahr für Jahr zu viele Jung-Fußballer produziert. Wenn darauf bestanden wird, dass alle zwölf Akademien weiterarbeiten, müsste die Bundesliga auf 16 Vereine vergrößert werden. Und natürlich die zweite und dritte Liga reformiert werden.

Diese Bereitschaft, die eigene Entwicklung kritisch zu überdenken und etwas Neues zu wagen, fehlt mir bei der Bundesliga. Der Erfindergeist geht mir ab.

Experten-Frage

Der dritte Punkt liegt mir sehr am Herzen: Es ist in Ordnung, dass es die wirtschaftliche Lizenzierung gibt – schlecht ist, dass ein qualitatives Rating fehlt.

Mein Vorschlag: Es braucht eine neue, eigenständige Institution, die überprüft, ob das sportliche Konzept, die strategische Ausrichtung und die Führung der Klubs bundesliga-tauglich und nachhaltig sind. Nur dann darf es grünes Licht von der Liga geben. Diese Institution soll nicht an die üblichen Wirtschaftsprüfer übergeben werden, sondern mit unabhängigen Fußball-Experten befüllt werden.

Zum Thema Fußball-Experten haben mir die Aussagen von Rapid-Präsident Krammer im KURIER-Interview imponiert. Endlich einer, der zugibt, dass er sportlich kein Experte ist, den dafür Verantwortlichen freie Hand lässt, aber genau auf Organisation, Struktur und Entwicklung achtet.

Ich betone gerne, dass ich sicher kein Grün-Weißer bin oder werde – aber Leute wie Krammer braucht es noch viel mehr im österreichischen Fußball.