Du Trottel" oder "Sie Trottel

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08/27/2013

"Du Trottel" oder "Sie Trottel"

Kanzler und Vizekanzler duzten einander im Fernseh-Duell. Das Du-Wort war in der Spitzenpolitik nicht immer so verbreitet wie jetzt.

von Daniela Kittner

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Dr. Daniela Kittner | mm

Die Initiative ging von Michael Spindelegger aus: „Sind wir bei den Fernsehduellen jetzt per Du oder per Sie?“ Kanzler Werner Faymann hatte gegen das Duzen vor laufender Kamera nichts einzuwenden – und so bekamen die Zuseher am Montagabend ein recht authentisches Bild über die Umgangsformen an der Regierungsspitze.

Das Du-Wort ist in der Spitzenpolitik weiter verbreitet als in früheren Zeiten, aber es ist nicht die allgemeine Regel. Der Kanzler ist etwa von der ÖVP-Fraktion nur mit Spindelegger per Du, so wie er es mit dessen Vorgänger Josef Pröllgewesen ist. Spindelegger ist von der SPÖ-Seite außer mit Faymann noch mit Sozialminister Rudolf Hundstorfer und Unterrichtsministerin Claudia Schmied per Du.

Innerhalb der eigenen Fraktionen duzen sich die Spitzenpolitiker alle, ansonsten ist im Ministerrat auch das Sie gebräuchlich. Es differiert nach Typus: Die leutselige Innenministerin Johanna Mikl-Leitner ist schnell beim Du, sie duzt Hundstorfer, Verteidigungsminister Gerald Klug und ihre niederösterreichische Landsfrau Gabriele Heinisch-Hosek.

Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner pflegt eher ein distanziertes Sie – außer mit seinem Sozialpartner-Gegenüber Hundstorfer. Reserviert gegenüber der ÖVP verhalten sich die SPÖ-Frauen Heinisch-Hosek und Doris Bures, was sich auch im Siezen ausdrückt. Das Gleiche gilt mit umgekehrten parteipolitischen Vorzeichen für Maria Fekter.

Gegenüber der Opposition ist Faymann mit Eva Glawischnig per Du, mit Heinz Christian Strache per Sie. Spindelegger ist mit beiden per Sie.

Innerhalb der Opposition ist Glawischnig mit Strache per Sie, mit BZÖ-Chef Josef Bucher per Du. Bucher ist Kärntner wie Glawischnig, und außerdem teilen die beiden eine gemeinsame Sitzbank im Nationalrat. In den Fernsehkonfrontationen wird Glawischnig jedoch alle Parteichefs siezen.

In einem politischen Spitzengremium ist das Siezen abgeschafft: in der Konferenz der Landeshauptleute. Die Länder-Lobby schmiedet auch das Du zusammen.

Unter Kanzler Franz Vranitzky war das Duzen in der Politik weit weniger verbreitet, der Staatsmann aus der Finanzbranche war geradezu berühmt für sein distanziertes „Sie“. Darum ranken sich einige Legenden. So soll Vranitzky während einer Golfrunde von einem aufdringlichen Mitspieler permanent geduzt worden sein. Nach dem Spiel soll der Kanzler zu dem Mann gesagt haben: „Sollten wir uns zufällig irgendwo einmal begegnen, sind wir aber schon wieder per Sie!“

Vranitzky siezte seine ÖVP-Vizekanzler und selbst seinen engsten Mitarbeitern bot er oft erst nach Jahren das Du-Wort an. Als er einmal gefragt wurde, warum er mit dem Du so geize, soll Vranitzky geantwortet haben: „Weil man schneller ,Du Trottel‘ sagt als ,Sie Trottel‘“.

Vranitzkys Nachfolger Viktor Klima glaubte, mit dem großzügigen Umgang mit dem Du-Wort gute Stimmung machen zu können. Wolfgang Schüssel und Jörg Haider stellten ihrem Duz-Freund Klima im Jahr 2000 dennoch den Kanzler-Sessel vor die Tür. Ein Du-Wort macht in der Politik noch lange keine Freundschaft aus.