Romantisch. Oder?

© Boroviczeny

über die Szenen einer Redaktionsehe.
08/04/2013

Zum Vergessen

Das Leben ist eine Checkliste. Und daran wollen wir einander stets erinnern.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

Ich muss an 1000 Dinge denken, und wenn 999 klappen, ist das fein und nicht beklagenswert.

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

Okay, er findet also meine Sorgfalt, Voraussicht und meinen Hang zur Präzision eher blöd. Nur so: Ich frage nicht aus Jux und Tollerei nach Pass oder Flugtickets. Oder wann exakt der Flieger abheben wird. Ich frage, weil ich ein Mensch bin und als solcher so etwas wie ein Hirn habe. Dieses Hirn hat eine Fähigkeit: Es archiviert Erinnerungen und Erfahrungen. Was mich vom Tier unterscheidet: Mein Hund hat nach Verschlingen von zehn Knochis bereits eine Sekunde nach dem letzten Knochi das Gefühl, niemals ein Knochi bekommen zu haben. Ich hingegen weiß auch noch Dezennien später, dass mein Mann irgendwann einmal aus London Heathrow anrief und ins Telefon jeierte: Du, verdammt, die lassen mich da nicht einreisen. „Warum?“ Weil ich vergessen habe, mir einen neuen Pass zu checken.

Geht scho!

Ja, so ist das: Der Mann nebenan bricht in die weite Welt auf, mit einem Pass, der Monate abgelaufen ist. Vielleicht dachte er: Wurscht, geht scho. Ein bisserl lieb lächeln, ein schleimiger Wiener Schmäh, vielleicht ist der Wachhund am Einreiseschalter ja eine Mrs. und kein Mr. Nicht mit den Briten! Der enorme Aufwand, der seinerzeit notwendig war, um wieder auszureisen (Anmietung eines Autos, um Hunderte Kilometer nach London zur Botschaft zu fahren, eine Mega-Handyrechnung, Stress und auch ein wenig Hader mit dem Dodel im Mann), wäre ihm erspart geblieben, wäre was passiert? Genau. Aber so wird meine gute Fragerei nur lächerlich gemacht. Nun, vielleicht werde ich beim nächsten Urlaub darauf ja verzichten und einfach in seinen Koffer ein großes Zetterl picken, mit einem Zitat von Ambrose Bierce: „Nachdenken= Geistestätigkeit, durch die wir befähigt werden, die Gefahren zu vermeiden, die wir hinter uns haben. Stichwort: God save your queen.“ (Womit ich natürlich mich meine).

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Er

Es ist so: Wenn ich etwas vergesse, bin ich schuld. Wenn sie etwas vergisst, bin auch ich schuld. Das ist zwar ein sehr simples Weltbild, macht jedoch ihr Leben einfacher. Es heißt jedenfalls grundsätzlich:

Punktum, mein Fehler. Weil sie mich garantiert zwischen drei und hundert Mal (mit Nachdruck) daran erinnert hat, sie daran zu erinnern, damit sie es nicht vergisst. Oder weil sie in ihrer einzigartigen Umsichtigkeit dies oder das eh schon so hingelegt oder -gestellt hat, dass ich es gar nicht übersehen konnte. Oder gar vergessen, es mitzunehmen („Herrje“, kann ich in ihren Augen lesen, „ das darf doch nicht wahr sein – wer hätte gedacht, dass für so viel Offensichtlichkeit auch noch begleitende Worte nötig sind“).

1000 Dinge

Meine Auffassung ist: Ich muss an 1000 Dinge denken, und wenn 999 Dinge klappen, ist das doch fein und eher nicht beklagenswert. Anhand eines Versäumnisses daher den Schluss zu ziehen, dass „Männer immer alles vergessen“, scheint mir einen Hauch zu sehr zugespitzt.

Aber ihre Auffassung ist nun einmal – sie muss nicht nur an 1000 Dinge (gleichzeitig) denken, von denen sie klarerweise 1001 ohne Murren erledigt, sondern: Sie muss auch noch meine 1000 Dinge, die 1000 Dinge der Tochter sowie die 1000 Dinge ihrer Kollegen, Nachbarn und der übrigen Weltbevölkerung mit(be-)denken. Da darf sie schon einmal ein bisserl stöhnen. Und ich darf dann schon einmal sagen: „Schatzi, toll, was wäre dieses Universum ohne dich?“

Einmal kam sie am Urlaubsort drauf, dass ihr Toilette-Köfferl nicht mitgereist ist. Das ist, als stünde Lionel Messi im Champions-League-Finale ohne Ball auf dem Rasen. Und noch ehe ich mich entschuldigen konnte, sagte sie: „Ich bin so eine blöde Kuh!“ Es war ein reflexartiges Schuldeingeständnis. Oder, wie ich es nenne: ein magischer Augenblick.

Twitter: @MHufnagl

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