Meinung | Kolumnen | Paaradox
09.07.2017

Zeit-Reisen

Nur geträumt. Sie gibt sich gerne barock, er wünscht sich in die Steinzeit zurück.

Yabba Dabba Doo, das würde den Steinzeitdiät-Fan in einen Flow versetzen.

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

Aus der Reihe „Dinge, die das Herz des Mannes nebenan höherschlagen ließen“: Ein US-Gentechniker bastelt an der Rückkehr des Mammuts. Hm, dachte ich, und fand mich geistig im Remake der „Feuersteins“ wieder. Mit Flintstone Michi als Hauptfigur, der im Lendenschurz aus dem Fell eines selbst erlegten Höhlenbären jagen geht und danach eine leider geile Hüttenparty schmeißt.

Fleisch-Flow

Yabba Dabba Doo, das würde den Steinzeitdiät-Fan in einen Flow versetzen – jenen Glückszustand, in dem der Mann alles um sich herum vergisst und tut, was zu tun ist. In diesem Fall: fette Beute machen und nachher damit protzen. Konkret würde es sich bei ihm um einen MFF handeln – also: „Mammut-Fleisch-Flow“. Denn auch wenn der Mann nebenan artig Gemüsesupperl aus Familienporzellan zu schlürfen weiß, schlummert tief in ihm drin ein Mammutjäger. Einer, der Speere und Keulen schwingend für Eiweißnachschub sorgt und nach erfolgreicher Jagdtrieb-Befriedigung mit der weiblichen Sippe eine fette Befruchtungssause feiern würde. Weil natürlich alle mal un-be-dingt was mit dem Ober-Mammutchecker, na, Sie wissen schon ... Das natürlich erst, nachdem der Ober-Mammutchecker am Feuer hockend gröbere Portionen des eigens für ihn reservierten, besten Mammut-Bruststücks verschlingen durfte, während ihm die Frauen eine vierhändige Moschusochsenölmassage angedeihen lassen. Irgendwann erwachte ich aus meinem Tagtraum und schloss die Wohnungstür fest zu. Schließlich ist meine Lieblingsszene aus der Feuerstein-Serie immer noch die, wo Fred sich selbst aussperrt, und nach Ehefrau Wiiil-maaa! ruft. Das wäre dann mein „Yabba Dabba Doo“.

Lesekabarett: 23. 7., Summerstage; 17. 8. Linz, Rosengarten.

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Er

Ich habe den Tagtraum meiner Frau durchaus mit Wohlwollen vernommen. Und je mehr ich über den steinzeitlichen Zugang zum Leben sinniere, desto attraktiver wird die Vision, sich keine Gedanken über den kaputten Geschirrspüler, die hektische Suche nach dem Smartphone oder die inflationäre Zubereitung spitzfindiger Gemüsegerichte machen zu müssen. Und sich stattdessen während einer Grillparty mit Mammut-Ribs und Höhlenbär-Filets in Ruhe zu überlegen, welche sinnlichen Geheimnisse Betty Geröllheimer wohl haben könnte.

Fantasien

Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass gnä Kuhn auch ihre eigenen Fantasien hat, wiewohl diese – bien sûr – von wesentlich mehr Eleganz und Erhabenheit geprägt sind. Die Bilder in ihrem Kopf sind diesbezüglich so klar, dass sie mir nicht nur immer wieder detailgetreu geschildert hat, welche Rolle sie in der Vergangenheit gespielt hat. Vielmehr besteht sie auch auf ihrer Erkenntnis: „Ich bin sicher, damals schon einmal gelebt zu haben.“ Und zwar zur späten Barockzeit, könnte auch Rokoko gewesen sein. Die geneigte Leserschaft mag nun erahnen, dass eine wie La Kuhn bei Hofe wie keine andere das Oh, là, là repräsentierte und dass ihr Ruf von edlem Antlitz und draller Weiblichkeit über die Landesgrenzen hinauszudringen vermochte. Ja, meine Frau war einst mindestens begehrte Marquise, je nach Tageslaune gibt sie gerne aber auch die Kaiserin. Ich mag es, wenn sie diese Bilder eines früheren Lebens entwirft. Und noch mehr, wenn ich sie ins jetzige zurückhole: „Écoutez-moi, Madame, falls du heute einkaufen gehst, Mistsackerln brauch’ ma neue.“

Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“ wieder im Herbst: 6. 10. Großrußbach, 10. und 11. 10. Schwechat, 17. 10. Graz

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