Meinung | Kolumnen | Paaradox
17.09.2017

Wo sind die Servietten?

Dinner-Stress. Die große Herausforderung eines mustergültigen Tischlein-deck-Dich.

Nüchtern betrachtet, wäre es besoffen besser

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

Jemand hat mir einmal ein Geschirrtuch geschenkt, darin war gestickt: „Wo die Liebe den Tisch deckt, schmeckt das Essen am besten“. Der Schenkende hat es sicher gut mit mir gemeint, aber: Jedem, der mir Küchenutensilien zu schenken gedenkt, sei gesagt: Nehmt lieber Kuschelsocken. Oder nix. Meine Küche ist bereits zu klein.

Wink mit dem Wischtuch

Zurück zu Tuch und Spruch – und was das mit dem Mann nebenan zu tun hat. Unlängst überlegte ich, ihm daraus ein Leiberl nähen zu lassen, als Wink mit dem Wischtuch. Denn der Tischlein-Decker ist beim Tischlein-Decken oft so gedankenverloren, dass er Servietten mit Silvesterschweinen oder Nikolomützen wählt, um damit ein Sommernachtsschmauserl zu garnieren . Wenn ich dann frage „Wie ignorant (eigentlich meine ich deppert) muss man bitte sein?“, sagt er nur: Ist es nicht total egal, was auf Servietten drauf ist, man wischt sich doch nur den Mund damit ab. Das ist natürlich ein Argument, das alle anderen Argumente vom Tisch wischt und mich staunen lässt. Staunen lässt mich außerdem seine Wahl der a.) Tischsets (Wie kann man nur beigebraune mit knallblauen mixen?), des b.) Wasserkrugs, den er offenbar aus dem alten Kinderjausen-Fundus gefischt hat sowie c.) der Teelichter, die farblich weder zum Kinderjausenkrug – knallrosa – noch zu der beigebraun-knallblau-Kombi passen. Ich schenke mir dann einen der von ihm bereitgestellten Trinkbecher – Plastik, froschgrün, ebenfalls Kinderjause– randvoll mit Aperitif ein und denke nur: „Nüchtern betrachtet, wäre es besoffen besser.“ Und hoffe: Die Gäste haben Humor.

Nächste Lesungen: 5. 10. Bruno/ Brunn, 14. 10. Danubium Tulln, 24. 10. Rabenhoftheater, Wien

Lesekabarett wieder im Herbst, alle Termine: www.paaradox.at

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Er

Ja, ich gestehe es. Ich fürchte mich in Erwartung von Gästen vor dem Satz „Geh’ Schatz, könntest du bitte, während ich koche, den Tisch decken?“ Diese als konjunktivische Idee getarnte Aufforderung liegt auf meiner Beliebtheitsskala irgendwo zwischen „Die Vorauszahlung für’s Finanzamt müss’ma noch überweisen“ und „Der Hund sollte zum Arzt, der stinkt so“. Es ist freilich nicht so, dass mich der simple Akt des Platzierens von Tellern und Besteck in Stress versetzt, sondern eher der temporäre Perfektionsanspruch meiner Frau. Die nämlich erwartet sich wortlos, dass auch die Faltrichtung der Servietten und das Arrangement von Blumengestecken der sinnlichen Eleganz ihres Vier-Gänge-Menüs entsprechen (weshalb ich aus Jux gerne den Salzbehälter aus dem Supermarkt mitten auf den Tisch stelle, weil ich ihren genervten Blick so herzig finde).

Große Hilfe

Faktum ist, dass gnä Kuhn als Gastgeberin mit Vorliebe ein Brimborium veranstaltet, als kämen Kate und William auf Baked Beans à la Gabriele vorbei, um mit uns den Brexit zu besprechen. Was einen meiner liebsten Dialoge garantiert. Ich: „Wo sind die edlen Servietten?“ Sie: „Wo sie immer sind.“ Ich: „Und wo ist das?“ Sie: „Maaaah, du bist echt eine große Hilfe.“ Und so kann es eben schon vorkommen, dass man für das (in ihrem Geiste durchkomponierte) Sommerdinner das winzige Neujahrsschweinderl am Serviettenrand übersieht. Leider konnte ich den Vorschlag, das unseren Freunden als witziges September-Statement zu verkaufen, nicht zu Ende formulieren. Der Liebsten Mimik verriet nur, dass es klüger wäre, mich um den Wein zu kümmern. Na dann, Prosit!

Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“ wieder im Herbst: u. a. 23. 10. Rothneusiedl, 4. 11. Kottingbrunn, 8. 11. Mödling

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