Meinung | Kolumnen | Paaradox
05.11.2017

Rendezvous mit (vor-)gestern

Wenn sie tabula rasa macht, werden auch manche alte Sünden sichtbar.

Denn ich weiß, dass ich das Garam Masala (Ablaufdatum 2013) fix nicht gekauft habe.

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

Unlängst hätte ich arbeiten soll, stattdessen hielt es die dunkle Seite der Macht in mir für spannender, in alten Sachen herumzukramen. Dabei stieß ich auf ein interessantes Oeuvre – eine fliederfarbene Ringmappe mit dem Titel Das Leben des Bären. In Erwartung einer Abhandlung zur Ursus arctos, dem Braunbären, begann ich zu blättern. Und war bald das, was man gerne „baff“ nennt. Denn in der Mappe mit dem romantischen Titel fand sich folgendes: Reifenwechsel-Rechnungen für ein Auto, Baujahr 1993 (das mir vage aus Erzählungen als „Superschlitten“ mit dem Spitznamen „King of se night“ geläufig war) oder Kreditkartenabrechnungen, denen ich entnehmen konnte, dass das Bärli am 26. August 1997 1254 öS (österr. Schillinge ) in der P1-Disco verjuxt hatte.

Frühe Schaffensperiode

Was insofern bemerkenswert ist, als mir der Mann nebenan gerne vorwirft, ich würde Kontoauszüge absurderweise zehn Jahre aufbewahren. Bemerkenswert ist überdies der dramatische Wandel, der hier stattgefunden haben muss. Denn von der Akribie seiner frühen Schaffensperiode kann ich heute nur träumen. Stattdessen wühle ich mich durch fünf verschiedene Papierstöße, um ein Schreiben zu finden, von dem er behauptet, ich hätte es in meinem Ordnungsirrsinn garantiert schon entsorgt. Das ich aber nach langer Suche gut versteckt zwischen der 2015er-Weihnachtseinkaufsliste und einer Gebrauchsanweisung für ein Gerät, das wir vor zwei Jahren entsorgt haben, fand. Da zitiert er gerne Einstein: Geniale Menschen sind selten ordentlich, Ordentliche selten genial. Bitte, ich hätt’ gerne das Leben des Bären zurück.

Nächste Lesungen: 9. 11. und 28. 11. Rabenhoftheater, 18. 11., Stadtgalerie Mödling, 25. 11. Arkadensaal Langenlois

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Er

Ich danke meiner Frau. Wieder einmal. Denn sie hat entdeckt, dass ich einst, also noch vor unserem ehelichen Pas de deux, eine Disco-Rechnung in der Höhe von 1254 Schilling beglichen habe. Meine Güte, denke ich mir mit verklärtem Blick, wie gut muss ich damals wohl drauf gewesen sein? Aber das nur nebenbei, jetzt zur Sache ... Gnä Kuhn hat also einen Ordner aus meiner Vergangenheit aufgestöbert. Ich betone: einen. Vermutlich den einzigen. Und das gelang ihr nur deshalb, weil sie sich seit einer Woche in einer nahezu ekstatischen Rappel-Phase des Umräumens, Ausmistens und Wegschmeißens befindet. In die taucht sie völlig unvermittelt alle paar Jahre ein, und zwar nur wegen eines dramatisch wachsenden schlechten Gewissens. Das sich im übrigen völlig zu recht bei ihr meldet.

Die Astro-Seele

So hat die Liebste im Zuge ihrer Aktivitäten (stets begleitet von Erkenntnissen Marke „Ui“ oder „Upsi“) Raum für Raum erobert, wobei sie in Wahrheit nur mit eigenen Sündenfällen konfrontiert wird. Denn ich weiß, dass ich das Garam Masala ( Ablaufdatum 2013) fix nicht gekauft habe, um es zwischen unseren 279 Gewürzdoserln zu verstecken. Ich ahnte nicht einmal von der Existenz einer solchen Mischung. Auch der texturierende Seasalt-Beachlook-Spray (entwickelt von Claudia Schiffer) oder das Buch „Die Astro-Seele, Magie der Transite“ musste nicht zwingend wegen meiner Sammelwut aus dem Domizil verbannt werden. Und im berüchtigten Papierstoß fand sich klarerweise u. a. auch der Beleg für den Erwerb von Fellhauspatschen. Ganz ehrlich, wenn das so weitergeht, muss ich flüchten. Gibt’s das P1 eigentlich noch?

Solo „Abend mit einem Mannsbild“: 8. 11. Mödling, 17. 11. St. Pölten und 12. 12. Wien (Studio Akzent).

michael.hufnagl@kurier.at

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