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14.01.2018

Neue Macht

Modernisierung. Und es begab sich, dass der Staubsauger die Gefolgschaft verweigerte.

Mit glitzernden Augen schraubte er spezielle Düsen und Bürsten aneinander.

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

Manchmal, wenn ich den Mann nebenan in der FC-Barcelona-Ekstase beobachte, muss ich daran denken, was er als Kind getan hat. Er spielte „Skispringer“, stundenlang. Dafür funktionierte er einen Fauteuil in eine Absprungvorrichtung um, in der er so lange posierte, bis er erst in der typischen Streckhaltung flog, um im Telemarkschritt (auf dem alten Teppich) zu landen. Was er an einem Nachmittag an die 100 Male tat, nicht nur: Er sorgte für die passende Akustik, indem er seine Flüge mit Platzsprecher-Kommentaren unterlegte. Selbstverständlich landete er stets auf Platz 1. Als Ehefrau lacht man da nur und denkt sich: „Ma, a Kind!“. Wäre da nicht diese gewisse Verbindung zu Jetzt.

Zauberdings

Wie dieser Tage, als er auszog, um einen neuen Staubsauger zu kaufen. Das dauerte überraschend kurz, wohl auch deshalb, weil ihm die Verkäuferin eine Art Staub-Laserschwert aufgeschwatzt hatte, das in ihm die Saug-Macht wachküsste. Als er sein Zauberdings auspackte, war klar: Ich hatte eine neue, beutellose Konkurrentin. Mit glitzernden Augen schraubte er spezielle Düsen und Bürsten aneinander, probierte Saugstärken und Saugpositionen aus. Ja, richtig: Po-si-tio-nen! Denn in der Anleitung stand, dass der richtige Bürsten-Rohr-Saug-Winkel zu unglaublichen Effekten führen würde. Das ließ sich der Mann nebenan nicht zwei Mal sagen. Als er mit dem Saugrohr in Händen als Luke Staubwalker posierte, reichte ich ihm einen doppelten Espresso und sprach: Schatz, Zeit, den Mist rauszubringen.“ In seinem Blick sah ich sofort die dunkle Seite der Macht.

Lese-Termine: 24. 2. Klosterneuburg, 3. 3. Eisenstadt, 13. 4. Oberwaltersdorf, 19. 4. Rothneusiedlerhof, 8. 5. Perchtoldsdorf

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Er

Es soll vorkommen, dass meine Frau nur die halbe Wahrheit offenbart. Diesmal z. B. verschweigt sie, dass unser (verblichener) Staubsauger ein Modell aus der Gründerzeit der Fußbodenreinigung war, gefühlsmäßig zumindest. Es handelte sich um ein Gerät, dessen Lautstärke stets den Eindruck vermittelte, man hätte einen Raketenflug zum Mond gebucht – und zwar mit dem einzig verfügbaren Sitz inmitten des Triebwerks. Ich habe mich jahrzehntelang gewundert, dass uns niemand aus dem Umland (vom südlichen Burgenland bis zum nördlichen Waldviertel )wegen Ruhestörung angezeigt hat. Und jeder meiner Versuche einer Modernisierung blieb ungehört (was bei dem Getöse kein Wunder war). Das sture Argument von gnä Kuhn: „Wozu, der Sauger funktioniert ja?!“ Eh tat er das. Also überlegte ich sogar geheime Sabotage. Auch deshalb, weil mir der Hund leidtat, der vor dem Sauger flüchtete, als wären wild gewordene Regenmacher hinter ihm her.

Düsentrieb

Aber eines Tages trat auch unsere kleine Haus-Apollo den Beweis dafür an, dass es kein ewiges Leben gibt. Diagnose: Irreparabel. Die Reaktion der Liebsten: „Schon schade.“ Meine Reaktion: Tiefe empfundene Dankbarkeit. Denn nun war der Weg für einen Aufbruch ins dritte Jahrtausend frei. Und ja, ich gestehe es: Als mich die Verkäuferin in ihr sagenhaftes Reich der Düsen entführte, fühlte ich Macht & Glorie in mir wachsen. Erst recht, als ich Frau und Kind den neuen Staubsauger als sanft brummendes Wunder präsentierte und mein Jediritter-Domizil lustvoll leise reinigte. Da sagte die Liebste: „Wow!“ Und ich: „Viel zu lernen du noch hast.“

Solo „Abend mit einem Mannsbild“: 2. 2. Wien, Studio Akzent, 4. 3. Wien (CasaNova). 7. 3. Graz (Casino). Termine: paaradox.at

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