© Jeff Mangione

über die Szenen einer Redaktionsehe.
10/09/2016

Drum liebet und vernetzet euch!

Eine Paar-App soll die Beziehung synchronisieren und Harmonie fördern. Hm.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

Um zu wissen, was mein Mann gerne isst, brauche ich keine App.

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

„Echt, ihr habt keinen elektronischen Pärchenkalender“? Das Gesicht der jungen Frau, die meine Tochter sein könnte, geriet zum Fragezeichen. Ihr Partner, der mein Sohn sein könnte, bedachte uns mit pikiertem Blick: Voll retro, die zwei. Alt halt. Weil es heutzutage ein absolutes No-Go wäre, sich NICHT zu vernetzen, in einer Welt, in der sogar Bäume twittern und Katzen eigene Facebook-Seiten haben.

Gespeicherte Erinnerungen

Der Mann nebenan und ich schauten einander an: Pärchen-was? Die junge Dame hingegen schilderte, welche Möglichkeiten diese Apps für die Liebe bereit hielten. Man könne gemeinsame To-do-Listen erstellen, die Erinnerung an den ersten Kuss bewahren sowie Schatzis Lieblingsspeisen speichern. Ich dachte an seine drei legendärsten Gallenanfälle, verursacht durch Überdosen diverser Fettprodukte und erwiderte: Um zu wissen, was mein Mann gerne isst, brauche ich keine App, sondern einfach nur mit dem Notarzt unseres Vertrauens zu plauschen. Abends, vor dem Einschlafen, stellte ich mir vor, wie sich unser Leben durch so eine App vollends Richtung Irrsinn verändern würde. Als Mensch, dessen digitales Talent das Ansurfen von laola.tv kaum übersteigt, würde Hufi komplett überfordert sein. Und seine Frage Schatzi, was muss ich da jetzt machen, damit ich in der Romantik-App das Candlelight-Dinner für uns zwei eingeben kann? schwebte wie der ultimative Scheidungsgrund im Raum. Anderntags saßen wir beim Frühstück, um uns zu organisieren. Er sprach: Und – was machst du heute so? Ich erwiderte: Willst du das wirklich genau wissen, es ist nämlich eine lange, fade G’schicht? Worauf er nur müde den Kopf schüttelte und sagte: Nein, eigentlich nicht. Ehrlich: Wozu braucht’s dafür eine App? Das Leben ist auch von alleine kompliziert genug.

Twitter: @GabrieleKuhn

facebook.com/GabrieleKuhn60

Er

Die Idee, mir aus den Weiten des Web eine App aufs Smartphone zu holen, um mein Leben mit jenem der Holden elektronisch zu synchronisieren und zu veredeln, ist so rasend originell, dass ich vor lauter Anerkennung am liebsten die Einkaufsliste verspeist hätte. Ich sehe die Chill’-deine-Basis-Programmierer, die gerade erst voller Stolz den Teenagerjahren den Mittelfinger gezeigt haben, richtig vor mir. Wie sie ihre vielen jungen und wilden Gedanken zu einem digitalen Liebesfeuerwerk bündeln, als könnte man die Tücken des Alltags locker und lässig mit einer Display-Berührung in den Papierkorb-Ordner verschieben.

Allerlei Botschaften

Allein die Vorstellung, ich müsste zu den unzähligen kleinen Mühen des immerwährenden Erledigungsfurors auch noch Tag für Tag To-do-Aktualisierungen und Surprise-Updates ins Handy zaubern, macht mich ganz kribbelig. Mir reicht es schon, wenn ich im Supermarkt stehe, um mit viel zu großen Fingern auf viel zu kleinen Buchstabenfeldern zwischen den Regalen Botschaften wie „Bio-Buchweizen aus, was jetzt?“ zu tippen. Und darauf zu wetten, dass die erlösende WhatsApp-Antwort („Uiui, dann nimm halt Quinoa“) garantiert zu jenem Zeitpunkt eintrifft, da ich gerade hochkonzentriert das Förderband bei der Kassa belege und eher nicht die Muße besitze, Quinoa zu googeln. Nein, nix da, für das dauerhafte Harmonie-Gütesiegel zum Beziehungsstatus EU3TFZ (Ewig Und 3 Tage Fix Z’samm) braucht’s keinen App-Depp, sondern einen Ehemann mit gelegentlicher spontanen Liebesdienst-Affinität. Zum Beispiel einen, der schreibt: „War jetzt extra noch im Bio-Markt. Buchweizen gecheckt. Bussi. HDL!“

Unsere nächsten Auftritte: 24. 10., 8. 11. im Wiener Rabenhof, 28. 10. im Rothneusiedlerhof, 5. 11. in Tulln (Danubium). paaradox.at

michael.hufnagl@kurier.at

Twitter: @MHufnagl

www.michael-hufnagl.com

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