Meinung | Kolumnen | Paaradox
17.12.2017

Die Zeltherrschaft

Pflanzenschutz: Sie sorgt sich um die Oleander, und er wird im Garten zum rettenden Bastler.

Denn an Tag 5 entschloss er sich, die neue Oleander-Villa aufzubauen.

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

Das Leben ist voller Überraschungen. Just am Nikolotag hatte das Schicksal einen großen Karton mit der Aufschrift „Tropical Island“ für den Mann nebenan parat. Sofort erreichte mich eine SMS: Was ist das? Ein Wellness-Bereich zum Aufblasen? Ich antwortete: Nein, ein Thermozelt für draußen, in dem du schlafen wirst. Zeit für getrennte Betten! Leider war er nicht in „Lustig, lustig, trallalalala“-Stimmung. Es folgte ein: Sind jetzt alle deppert geworden?

Party-Zelt

Nun klärte ich auf: Das ist ein Überwinterungs-Zelt für Oleander. Funkstille. Als ich abends heim kam, fuchtelte er mit dem Lieferpapierl herum und fragte, ob mir klar sei, dass wir für dieses Luxus-Iglu fünf Jahre lang jedes Jahr sieben neue Oleander kaufen könnten. Und wer dieses Party-Zelt aufstellen würde, er ganz! sicher! nicht! Ich verwies auf seine Bandscheiben und dass es doch toll sei, wenn er die Dinger nicht immer in den Keller schleppen müsse, sondern ins Zelt. Genau genommen müsse er mir dankbar sein. Jetzt verdrehte er die Augen und ließ Tropical Island tagelang im Wohnzimmer stehen. Vermutlich war’s der abnehmende Mond, der seine Wut ob der „sinnlosesten Investition unseres Lebens“ verdunsten ließ. Denn an Tag 5 entschloss er sich, die neue Oleander-Villa aufzubauen. In Anbetracht der Vielzahl an Schrauben, Stangen, Haken und Ösen verließ ich rasch das Haus, weil ich wusste: Das wird so ein Dolchstoß-Dingsda. Nicht ohne ihn rasch noch einen meiner guten Tipps ans Herz zu legen: Du weißt eh, dass du die Stangen zuerst da ... Weiter kam ich nicht: Tropical Island drohte gerade vom ersten Tropensturm Österreichs – Name: Michi – zerstört zu werden.

Nächste Lesekabarett-Termine: 23. 2. Konzerthaus Weinviertel, 3. 3. Kulturzentrum Eisenstadt

gabriele.kuhn@kurier.at

facebook.com/GabrieleKuhn60

Er

Wirklich lustig war nur der Mann vom Paketdienst. Der wuchtete ein Riesending durchs Stiegenhaus, grinste und sprach: „Herr Hufnagl, Insel für Sie!“ Wohl wissend, dass „Tropical Island“ mit einem Sommerparadies so viel zu tun hat wie ein Kokosbusserl mit einem Cocktail am Strand. Mein erster Gedanke war: Was zur Hölle ist das? Mein zweiter: Ich will sofort den Erfinder vom Internet sprechen. Denn auf die Idee, ein Oleander-schutzzelt zu bestellen, kommt nur jemand, der sich in den pflanzlichen Abgründen des World Wide Web verliert. Oder hat irgendjemand eine Erinnerung an einen Adventbummel, im Zuge dessen die Liebste einst flötete: „Ach Schatz, lass uns noch einen Sprung in den Oleanderschutzzeltshop machen, ob wir dort etwas Nettes für unsere Lieblinge finden.“ Also stand – nur weil ich letzten Winter bei der Topf-Übersiedlung einmal zu oft „Jedes Jahr der gleiche Scheiß“ geflucht hatte – ein monumentaler Karton in unserem Wohnzimmer.

Bauleiterschicksal

Überflüssig ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen, dass die eheliche Arbeitsteilung (sie klickt eine halbe Sekunde lang auf „In den Warenkorb“, ich bleibe einen halben Tag lang als Bauleiter mir selbst überlassen) ihren gewohnten Lauf nahm. Am Ende stand jedenfalls nicht wegen, sondern trotz der Errichtungstipps von gnä Kuhn ein Großzelt im Kleingarten, von Lichterketten umgeben. Das hat zwar die Anmutung einer Messe für Polarforschungsinnovationen, aber egal. Die Hauptsache ist, dass am Heiligen Abend die ganze Familie beim Zeltfest singen kann: „O Leanderbaum, O Leanderbaum, wie grün sind deine Blätter ...“

Solo „Abend mit einem Mannsbild“: 2. 2. Wien, Studio Akzent, 4. 3. Wien (CasaNova). Alle Termine 2018 auf www.paaradox.at

michael.hufnagl@kurier.at

facebook.com/michael.hufnagl.9