© Jeff Mangione

über die Szenen einer Redaktionsehe.
03/30/2014

Ein Fall von Laut-Malerei

Ein gemeinsamer Wohnort, aber mehr denn je zwei Wahrnehmungen.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

Ich bin froh, dass unser Heim groß genug ist, um ansatzweise so tun zu können, als wäre der andere nicht da.

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

Das Prinzip Ehe folgt der Mengenlehre. Da die Äpfel, dort die Birnen – wo sich die Apferlfläche mit dem Birnenkreis überschneidet, findet gemeinsames (Obst-)Strudeln statt. Paartherapeuten nennen das: Gemeinsamkeiten. Ja, ein bissl Überschneidung ist wichtig. Dennoch bin ich kein Fan des "Wirmachenallesgemeinsam". Unlängst habe ich darüber nachgedacht und resümiert, wie es mit unserer Begegnungszone aussieht. Nicht übel: Wir essen beide gerne, wir lachen beide gerne, wir lesen beide gerne.

Geistige Schrebergärten

Dennoch sind wir beide glückliche Besitzer getrennter geistiger Schrebergärten, in denen wir uns gegenseitig besuchen. Es gibt nämlich Dinge, die ich ohne ihn lieber und besser mache. Etwa wohnen. Nicht falsch verstehen, ich möchte keine getrennte Wohnungen. Aber ich bin froh, dass unser Heim groß genug ist, um ansatzweise so tun zu können, als wäre der andere nicht da. Der Mann nebenan ist extrem präsent, wenn er präsent ist. Blättert er sonntags in der Zeitung, dann sehr, sehr laut. Die Einflugschneise des Flughafens ist eine Ruhezone dagegen. Meist geht das Blättern mit Fluchen einher. Oder mit einem Aufschrei: Herrlich! Das musst du lesen, Schatz. Gleichzeitig wirft er das iPad an, um alle versäumten Nachrichten-Sendungen des Vortages parallel zu schauen. Das ist laut. Und das ist noch nicht alles. Er ist raumgreifend. Er markiert sein Revier. Das macht er mit Sachen: Zeitungen, Büchern, T-Shirts, aufgerissenen Mannerschnittenpackerln, Jacken. Er kommt heim, zieht die Jacke aus und legt sie aufs Sofa. Dort lässt er sie liegen, vermutlich in der Hoffnung, dass dort sein Jackenwald entsteht. Also warne ich alle, die in meiner Umgebung heiraten wollen, vor Verschmelzungsfantasien. Ich mache mich damit zwar nicht beliebt, bekomme aber regelmäßig Dankesbriefe. Von Frauen und Männern.

Twitter: @GabrieleKuhn

Er

Manchmal lese ich den Text meiner Frau und atme erleichtert auf. Etwa dann, wenn sie erwähnt, dass sie keine getrennten Wohnungen will. Ah, eh nicht. Dann wiederum lese ich den (gleichen) Text der (gleichen) Frau und denke mir: Bitte, was? Im konkreten Fall verwandelt sie ein Schnoferl in Worte und attestiert mir allen Ernstes raumgreifende Lautstärke. Dazu muss ich nun folgende Fakten in aller Ruhe in die Welt hinausschreien: An einem Wochenende, das ich als Paradefall für gemeinsames Sein bewerten würde, tue ich tatsächlich auch allerlei allein.

Exzess

1. Ich betreibe Sport, und das kilometerweit vom ehelichen Nest entfernt. Die Lärmbelästigung reduziert sich daher auf das Schließen der Türe. 2. Ich lese, und das v. a. im Internet. Heißt, der Geräusch-Exzess wandelt zwischen Tastentipp und Mausklick. 3. Ich schaue Fußball. Mittlerweile ihr zuliebe ohne Ton. Dass diese Wunde nie verheilen wird, sei nur am Rande erwähnt. 4. Ich löse das Zeit-Rätsel oder ein kniffliges Samurai-Sudoku. Entrückter (und dementsprechend leiser) geht’s kaum. 5. Ich twittere und facebooke. Auf dem Handy. Tastentöne? Selbstverständlich deaktiviert. 6. Nur als i-Tüpfelchen auf der langen Beweisschrift zu meinem Wesen als stilles Wasser: Ich hatte zuletzt leichten, aber hartnäckigen Husten. Da aber sogar gelegentliches Kurz-Husten dafür sorgt, dass die Ehefrau fix "die ganze Nacht" wach liegt, habe ich mein Schlaflager im Wohnzimmer errichtet. So viel Rücksichtnahme ist normal, aber wo der Vorwurf des Krachmachers Kolumne wird, ist Relativierung wichtig.

Im Übrigen stört sie meine Konzentration gerne mit der Frage "Stör’ ich?". Und mein darauffolgendes (höfliches) Zögern wertet sie als Aufforderung für "Weil ..., ich wollte dir nur kurz erzählen ..." Das tut sie dann auch. Lang und breit. Aber keine Sorge: Meine Antworten flüstere ich nur.

Twitter: @MHufnagl

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