Meinung | Kolumnen | Paaradox
20.03.2016

Die Jagd auf Dr. No

Zwist. Ihre Problemlösungs-Fantasien versus seine Realitätsnähe.

Gute Idee? Ja, aber nicht aus seiner Sicht.

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe

Sie

Im (bevorzugt weiblichen) Umkreis gilt der Mann nebenan als Inkarnation des Sonnyboys. Kann ich phasenweise verstehen. Es ist immer recht putzig, wie seine blauen Augen blitzen und er mit der Kraft seines Vorstadt-Charmes sowie rundum positiver Ausstrahlung selbst frischgebackenen Witwen ein leises Lächeln auf die Lippen zaubert. Mit schmalzig-philosophischen Sagern wie „Das Leben ist zu kurz, um an halb vollen Gläsern zu nippen“ brilliert der Gute als Talkgenie. Brava, Brava, Frauenversteher!

Warum nur?

Aber auch eine zarte Anfrage von Gnä Kuhn: Warum nur schafft er es nicht, seinen Show-Optimismus in die eigenen vier Wände zu retten? Da regiert nämlich eher das Halbleer-Lamento und Geht-leider-nicht-Mantra – abgeschwächt als Bitte, ich kann’s ja versuchen, aber das wird vermutlich nix-Sager getarnt. Nun, ich bin ja nicht blöd. Dahinter steckt sein perfider Versuch, mich von meinen guten Ideen abzubringen. Zweckpessimismus, um mich zu manipulieren. Sodass ich resigniert abwinke und sage: „Hast ja recht, lass es lieber.“ Etwa, wenn ich ihn bitte, das kaputte Küchenkastl zu reparieren, dessen Verblendung mir vor Wochen beinahe auf den Vorfuß geknallt wäre. Ich hatte zwar keinen Trümmerbruch, aber eine Lösung: Schatz, geh rasch Holzkleber kaufen, und fixier das Ding.“ Gute Idee? Ja, aber nicht aus seiner Sicht. Folglich kam er mir mit der Ich glaub’, das funktioniert so nicht-Masche und machte mal was „provisorisch“ . Nur ja nicht ins Fachgeschäft aufbrechen, ein Holzkleber-Gespräch führen, sich anstrengen! Stattdessen hofft er, dass ich lerne, fallenden Verblendungen schlangenhaft auszuweichen. Oder dass ich einen teuren Tischler bemühe. Njet. Daher reagiere ich provisorisch und sage: „Das wird vermutlich nix.“

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Er

Das Gute an meiner Frau: Sie hat zu jedem Problem eine Lösung parat. Das Schlechte an meiner Frau: Sie hat zu jedem Problem eine Lösung parat. Heißt: Natürlich ist es mitunter erfreulich, wenn man mit einer Frau zusammenlebt, die noch im Halbschlaf ihren Ehe-Bestseller „666 Exit-Strategien aus der Alltagsfalle“ exakt formulieren könnte. Es kann aber auch verdammt mühsam werden, weil sie nämlich von ihren Vorgangsweisen grundsätzlich beseelt ist. Ein Idee-Gütesiegel zur allfälligen Objektivierung kommt uns daher nicht ins Haus. Denn wenn gnä Kuhn eine Vision von einer besseren Welt entwickelt, sollte die Welt das bitte dankbar annehmen. Folglich ist bei uns daheim ein Doktor No eher unerwünscht. Wer also, wie ich, hin und wieder leise Zweifel formuliert, benötigt auch für ausufernde Warum-Darum-Diskussionen einen langen Atem.

Kein Aber

Konkret handelt es sich um eine Verblendung, die sich nach vielen Jahren gelockert und als ziemlich billige Konstruktion herausgestellt hat. Dennoch ist meine Frau fest überzeugt (in anderen Worten: FEST ÜBERZEUGT), einer wie ich müsste in die ausgeleierten Öffnungen (Durchmesser 3 mm) nur Holzkleber (!) füllen, damit die Stahlstifte (!) wieder bombenfest sitzen. Da nützt kein Aber und die Vision „Tischler statt Pfusch“. Folge: Setze ich ihre sonderbare Idee um, und sie funktioniert (Chance 5 %), hat sie es natürlich besser gewusst. Funktioniert sie nicht, habe ich sie lediglich schlecht umgesetzt. Leider ist auch mein stets favorisierter Plan B (das Problem löst sich irgendwann von selbst) eher nicht zielführend. Ich fürchte, wir müssen umziehen.

Unsere nächsten Paaradox-Auftritte in Wien: 3. 4. und 25. 4. (jeweils 20 Uhr). Karten unter rabenhoftheater.com, sowie am 19. 4. in Schloss Großrußbach

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