Meinung | Kolumnen | Ohrwaschl
07.04.2017

Vom Verlust der Leichtigkeit

Sie hat Angst. Doch der Sog in die Lethargie ist so viel stärker als der Wunsch, lebendig zu sein

Birgit Braunrath | über das Thema des Weltgesundheitstages 2017: Depression

„Was macht Ihnen Freude?“, fragt der Arzt. Die Frau, die ihm gegenüber sitzt, antwortet nicht. Sie überlegt. „Nichts. Ich weiß es nicht“, murmelt sie. Man sieht ihr die Krankheit nicht an. Sie ist schön. Nur das Strahlen ist ihr abhandengekommen, die Leichtigkeit, das Leben. Die Hülle ist intakt. Sie geht Tag für Tag an ihren Arbeitsplatz und funktioniert, Sozialkontakte meidet sie. Auch privat. Früher ging sie gern auf Partys, hatte Gäste, war im Theater, auf Vorträgen, im Kino. Heute verkriecht sie sich. Den geliebten Sport verschiebt sie auf morgen, so lange, bis morgen kein Tag mehr ist, sondern ein Synonym für nie. Ihr Mann liebt sie immer noch. Sie denkt, dass sie ihn ebenso lieben würde, wenn sie nicht vergessen hätte, wie sie Gefühle wahrnimmt. Sie hat Angst, er könnte sie verlassen. Doch der Sog in die Lethargie ist so viel stärker als der Wunsch, lebendig zu sein. Der Arzt sagt: „Ihre Befunde sind gut, Herz, Lunge, alles in Ordnung. Aber ...“

Heute ist Weltgesundheitstag. Motto: „Depression – Let’s talk!“ Reden Sie los, wenn Sie spüren, dass Sie damit jemandem damit helfen können. Auch sich selbst.