Meinung | Kolumnen | Ohrwaschl
02.07.2017

Scholle der Seligen

Österreich steht ein Kulturausbruch im besten Sinn bevor, die Scholle der Seligen wird bröckeln

Birgit Braunrath | über den nächsten Burgtheaterdirektor

Es ist, als hätte jemand die Fenster aufgerissen, um Wien zu lüften: Martin Kušej wird Burgtheaterdirektor. Österreich steht ein Kulturausbruch im besten Sinn bevor. Die Angstbeseelten und die Engdenker, die Bewahrer einer trüben Heimat-Idylle werden spüren, wie ihre Scholle der Seligen zu bröckeln beginnt.

Der Begriff Heimat hat Martin Kušej, den einstigen Kärntner Ministranten, nie kalt gelassen. Er, der die Enge und Beklemmung, die Heimat hervorrufen kann, ebenso kennt wie ihre Vorspiegelung nie endender, unentgeltlicher Geborgenheit, er war nie bereit, den Preis der künstlerischen Autonomie zu zahlen, um sich aufgehoben und angenommen zu fühlen.

98,7 Prozent Zustimmung – das mag ein Wert sein, den Parteichefs gern erreichen. Dem zukünftigen Burgtheaterdirektor wird die Zustimmung derer genügen, die bereit sind, mit ihm die Grenzen des Wohlgefälligen locker zu überschreiten.

Kušej ist ein Freigeist, der niemals Theaterseligkeit im Sinn von Scheinheiligkeit aufkommen lässt. Wien darf ihn lieben, wenn es will. Es muss aber nicht.