Meinung | Kolumnen | Ohrwaschl
05.07.2017

Schau? Lustig?

Nicht schauen, sondern gaffen. Nicht lustig, sondern erbärmlich.

Guido Tartarotti | über "Schaulustige".

Der Begriff Schaulustige täuscht ja. In Wahrheit sind Schaulustige weder Schau-, noch -lustig. Schaulustige schauen nicht, sie gaffen. Und sie sind auch nicht lustig, sie sind erbärmlich.

Im KURIER erzählt ein Bademeister, wie er, als er einen Buben wiederbeleben wollte, von Gaffern massiv behindert wurde. Immer wieder berichten Feuerwehr- und Rettungsleute davon, dass Menschen bei Unfällen nicht nur nicht helfen, sondern Schwerverletzte fotografieren und die Bilder ins Netz stellen. Immer öfter müssen sich Retter zu den Unfallopfern durchkämpfen. Der „Schaulustigen-Stau“ inklusive kleinerer Auffahrunfälle ist ohnehin bereits eine weit verbreitete Freizeit-Gestaltung – zuletzt zu erleben am Dienstag nach einem Unfall mit einem Hühner-Transporter.

Was macht das Gaffen zu toll, dass man darüber vergisst, sich wie ein Mensch zu verhalten? Vielleicht der Effekt, von dem schon in „Der Herr Karl“ die Rede ist (der „Herr Karl“ hört gerne nachts die Rettung und denkt sich dann zufrieden: Siehst 'as Karl, du bist es ned):

Man genießt das Gefühl, dass man selbst nicht betroffen ist.

Guido Tartarottis Kabarettprogramm "Selbstbetrug für Fortgeschrittene" ist am 11. September im Kabarett Niedermair zu sehen, am 27. September im Theater am Alsergrund, am 29. September in der Bühne im Hof in St. Pölten und am 5. Oktober in der Stadtgalerie Mödling.