Meinung | Kolumnen | Ohrwaschl
19.07.2017

Fragen reicht nicht mehr

Hinterfragen ist das Gütesiegel des modernen Denkers, der nichts unmisstraut lässt.

Birgit Braunrath | über das Phänomen des Hinterfragens

Das Fragen ist aus der Mode gekommen. Nur Kinder im Fragealter gehen dieser Beschäftigung noch nach. Wer heute wissen will, der hinterfragt. Das zeugt von kritischem Geist, hohem Intellekt und gesunder Skepsis.

Hinterfragen ist das Gütesiegel des modernen Denkers, der nichts unmisstraut lässt. „Hinterfrage alles!“ lautet der Wahlspruch der Social-Media-Revoluzzer, die daheim auf ihrem Pelargonien-umrankten Balkon sitzen und nie eine Demo aus der Nähe gesehen haben.

Aber wie kam es dazu, dass das Präfix „hinter“ einen solchen Qualitätsunterschied zwischen ordinärem „Fragen“ und extraordinärem „Hinterfragen“ aufkommen ließ? Haben die Vermehrung der Wahrheit zu „Wahrheiten“ und die Geburt von Fake News dazu geführt, dass keiner mehr glaubt, was ihm auf eine simple Frage geantwortet wird? Und kann man auch vorderfragen?

Semantische Rätsel, die niemand hinterantworten kann. Fragen, die es zu hinterfragen gilt. In diesem Sinne: ein Perpetuum mobile für die intellektuelle Oberschicht – also die Oberg’scheiten.