Meinung | Kolumnen | Ohrwaschl
12.04.2017

Der Mensch sieht alles

Neues Credo: Der Mensch sieht alles. Und dann gnade dir Gott!

Birgit Braunrath | über die Macht der Bilder und Allgegenwart von Handykameras

Früher hieß es: „Gott sieht alles.“ Damit ließen sich trefflich Leichtgläubige einschüchtern. Was auch immer Gott gesehen haben mag – es geschah daraufhin meist nicht viel, weil er seine Beobachtungen nicht auf Facebook teilte, sondern für sich behielt. Heute ist, auch ohne religiöse Drohgebärden, alles glasklar: Das Smartphone sieht alles. Hört alles. Verbreitet alles.

Und der oberste Richter ist – der Mensch. Wenn der mit Shitstorm-Stärke zehn drüberfährt, braucht sich niemand mehr vor dem Jüngsten Gericht in Acht zu nehmen, weil dann ohnehin kein Gras mehr wächst. Wer heute einen Skandal kleinhalten oder gar vertuschen will, muss früh aufstehen, am besten im vorigen Jahrtausend, sonst geht sich das nicht aus.

Jüngster Beweis ist die brutale „Entfernung“ eines Passagiers aus einer überbuchten United-Airlines-Maschine Sonntagabend. Dienstagfrüh hatte bereits die halbe Welt aus nächster Nähe zugeschaut. Es waren viele Handys an Bord. Der Schaden war nicht mehr einzufangen. Das United-Management hatte die Macht der Bilder unterschätzt. Neues Credo: Der Mensch sieht alles. Und dann gnade dir Gott!