Meinung | Kolumnen | Im Bild
24.01.2015

Im Radio sah es besser aus

Und die gesamte 6A trat in den Streik.

Guido Tartarotti | über Franz Klammers letzten Sieg.

Jänner 1984, Gymnasium Mödling-Keimgasse, Deutschstunde. Damals wurde auch an Samstagen unterrichtet, und es fand die Abfahrt von Kitzbühel statt. Die Spannung war groß, denn es ging das Gerücht, dass Franz Klammer – als Olympiasieger 1976 eine Art lebendes Nationalheiligtum, aber als Sportler schon ein Auslaufmodell – noch einmal ganz groß in Form sei.

Und die gesamte 6A trat in den Streik, verweigerte die Auseinandersetzung mit Grillparzers „Der Traum ein Leben“ und verlangte die Bereitstellung eines Radiogeräts. Und zu unserem größten Erstaunen gab unsere Klassenvorständin nach: Sie stellte ein Radio in die Klasse, wir mussten einen Aufsatz schreiben und durften dabei zuhören, wie Franz Klammer sein letztes Rennen gewann, vor Erwin Resch und Anton Steiner – das Leben, ein Traum.

Heute überträgt der ORF selbst die Verschiebung der Kitzbühel-Abfahrt mit größerem Aufwand als damals die Rennen selbst. (Erstaunlich eigentlich, dass es zur Verschiebung noch nicht „Countdown“ und „Analyse“ gibt.) Aber niemals wieder habe ich eine Fahrt so genau vor mir gesehen wie damals die von Franz Klammer, obwohl ich sie nur via Radio erlebte.

Der ORF zeigte diese Fahrt übrigens diesen Samstag, im Rahmen eines Rückblicks. Klammer, im blauen Rennanzug, fährt so, wie man es von ihm kennt: Mit rudernden Armen, immer am Rand des Ausfalls, im Grunde genommen ein einziger Sturz von oben bis unten. Spektakulär – aber im Radio sah es besser aus.