über "Stadtfluchtgefahr"
08/27/2015

Blaupause

von Karl Hohenlohe

Noch nie hat in Wien ein Lederhosenträger für seine Adjustierung um Verzeihung gebeten.

Karl Hohenlohe | über "Stadtfluchtgefahr"

Es war in Bad Ischl, wo der berühmte Skispringer Hubert Neuper Frau Karin Schiller, vulgo Seitenblicke, ein Interview gab.

Er tat dies in einem dunkelblauen Stadtanzug, wie Clooney, wenn er in Manhattan eine gute Bekannte ausführt. Umringt von Damen in Dirndl und Lederhosenträgern, wirkte Neuper wie Porzellan im Elefantenladen.

Er war geradewegs aus irgendeiner Metropole nach Ischl geeilt und hatte seine Lederne vergessen. Normalerweise drängen ja die Städter ins Ausseerland, um dort – kraft ihrer Kostümierung – von den anderen Städtern für Einheimische gehalten zu werden. Man erkennt sie umgehend an den fahlen, dünnen Wadeln und den überdimensionierten Gamsbärten, die hüpfen, anstatt zu schweben.

Während des Interviews wurde sich Neuper seiner deplatzierten Aufmachung plötzlich bewusst und dann geschah es: Erzürnt blickte er an dem azurnen Stoff hinunter und bezeichnete das völlig unschuldige Stück Zwirn als "g’schissenen blauen Anzug".

Dann – und wir wollen es ihm hoch anrechnen – entschuldigte er sich für diese grobe Ausdrucksweise. Aber nicht beim Anzug, sondern bei uns, die wir solche Ausdrücke oft im Mund führen, aus dem Fernsehen aber nicht gewöhnt sind.

Noch nie hat in Wien ein Lederhosenträger für seine Adjustierung um Verzeihung gebeten.

Für immer mehr Menschen gilt ja heute die Stadtfluchtgefahr. Hätte ich früher geschrieben: "Wo ich bin, ist Provinz", hätte man mich bedauert, heute wird man dafür grenzenlos bewundert.

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