Rindssuppe und Wahlsonntage

Wahltage waren für die Urgroßmutter Feiertage.

Wahlsonntage konnte man riechen. Schon am Vormittag zog der Duft von Rindssuppe durchs ganze Haus. Rindssuppe gehörte zu Wahlsonntagen seit meine Urgroßmutter zu uns gezogen war.  Rindssuppe hatte für sie einen hohen Stellenwert. Es war eine Suppe, die etwas erzählte. Denn eine „Bouillon“ wie sie dazu sagte, hieß, man hatte Fleisch im Haus. Und Fleisch im Haus zu haben bedeutete, dass es einem gut ging. Es bedeutete Wohlstand. Die Armut überlebt zu haben, die zwei Kriege verursacht hatte. Die Zeiten überwunden zu haben, in denen sie als Krankenschwester tagsüber gearbeitet hatte, um abends im Friseurgeschäft des Urgroßvaters noch die Buchhaltung zu machen. Außer bei Nachtdienst, da hatte sie es umgekehrt gemacht.

Über einen Teller Rindssuppe konnte sich die Urgroßmutter unglaublich freuen und sie aß sie bedächtig vom ersten bis zum letzten Löffel.

"Das werden wir ja sehen"

Die Urgroßmutter war eine sehr kämpferische, aber dabei immer ruhige Frau. Niemand kann sich an ein lautes Wort von ihr erinnern. Wenn eine Situation ausweglos erschien, wenn ihr Ungerechtigkeiten begegneten, wenn ihre Liebsten bedroht schienen, hielt sie keine Brandreden, sondern sagte bloß: „Das werden wir ja sehen.“ Und tat, was in ihren Augen getan werden musste.

Als nach dem Krieg die Nachbarskinder hungrig vor der Tür standen und der Urgroßvater sagte, noch mehr Esser könnten sie nicht versorgen, sagte sie „das werden wir ja sehen“ und teilte das wenige, was da war.

Als bei mir als Kind eine schwere Krankheit diagnostiziert wurde und es hieß, ich dürfte keine Regelschule besuchen, sagte sie „das werden wir ja sehen“ und half meiner Mutter, einen Direktor zu finden, der mich in seine Volksschule aufnahm.

Abgegriffen

Die Urgroßmutter war sehr stur, sehr politisch und sehr gläubig. Sie glaubte an Gott, den Frieden und an die Demokratie. Auf ihrem Nachtkästchen lag die Bibel, auf dem Tisch neben ihrem Couchsessel „Die Waffen nieder!“ von Bertha von Suttner. Und beide Bücher waren schon ganz abgegriffen.

Die Urgroßmutter besaß nicht viel. Aber am Wahlsonntag wurde immer ihr schönstes Kostüm hervor geholt, ihr alter Pelzmantel gebürstet, den sie von ihrer Großmutter geerbt hatte und meine Mutter drehte ihr die weißen Haare ein. Denn Wahlsonntage waren Feiertage für sie. Wählen zu gehen bedeutete, dass die Demokratie über die Diktatur gesiegt hatte. Dass jeder mitbestimmen durfte, jeder gehört wurde, jeder gleich viel zählte. Wählen war für sie ein Privileg, auf das man lange gehofft und gewartet, das man sich hart erkämpft hatte.

Gegen Mittag kam sie die Treppen herunter. Langsam, weil sie schon sehr schwer ging. Wir halfen ihr in den Mantel, sie nahm ihre Urenkel an der Hand und sagte feierlich: „Wir gehen jetzt wählen. Weil wir es dürfen.“ Dann gingen wir zum Wahllokal ums Eck. Sie bestand darauf zu Fuß zu gehen, denn sie wollte dabei gesehen werden. Und den ganzen Weg über war ihr Blick voller Stolz. Danach saßen wir gemeinsam bei Rindssuppe und Krenfleisch mit Röstkartoffeln und wie sie da so saß und die ganze Zeit über strahlte, da wussten wir, ganz gleich welche Partei das Rennen machen würde, die Urgroßmutter hatte schon gewonnen.
barbara.kaufmann@kurier.at

(kurier) Erstellt am
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