© Kurier/Jeff Mangione

Leitartikel
12/13/2021

Karl Nehammer: Message statt Control

Was der neue Kanzler bisher wohltuend anders macht: Er spricht für alle in Österreich Lebenden und nicht nur für seine Klientel.

von Gert Korentschnig

Einen Vorteil hat die große Fluktuation an der Regierungsspitze ja, zumindest für Kommunikationsforscher: Noch nie zuvor in der Zweiten Republik konnte man innerhalb weniger Wochen drei verschiedene Kanzler bei der Arbeit beobachten. Und wie so oft in Österreich, ob beim Skifahren oder bei der Etikette, ist alles (auch) eine Frage des Stils.

Nun also Karl Nehammer, der seit acht Tagen im Amt ist. Er hat einen riesigen Rucksack umgeschnallt bekommen, voll mit Wackersteinen. U-Ausschuss, Absturz der ÖVP in Umfragen, Dauerpandemie, steigende Aggression – ein einzigartiges Konvolut an Problemen. Und was macht der Mann in seinen ersten Interviews und Aktionen? Er spricht Probleme offen an, weicht nicht einmal Fragen zur Dollfuß-Beurteilung aus, wirkt dabei nicht vercoacht, gibt zu, dass er noch ein Lernender ist (im Gegensatz zu vielen Lehrenden vor ihm), hält einen neuerlichen Lockdown wegen Omikron für möglich, versucht auf Ungeimpfte nicht los-, sondern zuzugehen und wird von politischen Beobachtern für all das gelobt. Eine völlig neue Situation in dieser aufgeheizten Lage, in der zuletzt alle nur darauf warteten, dem Andersdenkenden die Augen auskratzen zu können.

Was Nehammer bisher auch definitiv anders macht als sein Vorvorgänger (der ja auf den Vorgänger noch stark türkis abgefärbt hat): Er definiert sich nicht über Abgrenzung von anderen. Er erkennt, dass er selbst nicht größer wird, wenn er sein Gegenüber argumentativ schrumpft. Sogar im Zusammenhang mit Corona macht er sich nicht auf die Suche nach einem weiteren Feind (der politische Gegner, der Anderswo-Lebende oder dort Urlaub-Machende). Das Virus reicht ihm als solcher.

Ihm scheint es glaubhaft um die Message zu gehen und nicht um deren Control. Und so sehr er sich sofort mit ÖVP-Interna beschäftigen musste, gewann man dennoch den Eindruck, dass endlich wieder ein Bundeskanzler für alle sprach und nicht ein Parteichef für seine eigene Klientel. „Der Standort bestimmt den Standpunkt“, sagte er. Klingt fast nach einem Dialektiker, der bereit ist, sich durch gegenteilige Positionen weiterzuentwickeln.

Es ist natürlich noch viel zu früh, um definitiv Schlüsse zu ziehen oder wirkliche Wertungen abzugeben, die Mühen des Alltags kommen bestimmt früher als befürchtet. Aber im Idealfall geht die Zeit der politischen Kampfmaschinen, der unfehlbaren Sprachroboter, der Machtstrategen nicht nur in Österreich wieder zu Ende, und Nehammer kann zu einem Symbol für Verbindlichkeit und neue Handschlag- (statt Handychat-)Qualität werden.

Was die ersten acht Tage Kanzlerschaft des vormaligen Innenministers auf alle Fälle schon bewiesen haben: dass auch das Amt den Standpunkt bestimmt.

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