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Kommentar
12/30/2021

Kanzler sagt für Neujahrskonzert ab - ein noch falscheres Signal

Dass der Regierungschef es als "falsches Signal" bezeichnet, an einem Konzert teilzunehmen, wird viele nachdenklich stimmen.

von Georg Leyrer

Man spürt sie förmlich, die Sorge vor dem Shitstorm: Man will sich wohl nicht, wie vor kurzem bei der "Licht ins Dunkel"-Gala im ORF, beim Feiern und Genießen ertappen lassen, nicht so ausschauen, als hätte man es besser als das Volk. Also sagt der Kanzler und mit ihm die gesamte ÖVP-Regierungsmannschaft ihre Teilnahme beim Neujahrskonzert ab. Der Besuch sei angesichts der bevorstehenden Omikron-Welle "ein falsches Signal", ließ Kanzler Karl Nehammer wissen. Und setzte genau damit ein noch falscheres Signal.

Ein Misstrauenssignal nämlich, insbesondere gegen die Maßnahmen, die seine eigene Regierung beschlossen hat: Die Wiener Philharmoniker haben die Besucherzahlen im Musikverein am Samstagvormittag auf die verordnungskonforme Zahl an Besuchern reduziert, man muss geimpft und getestet sein, um im Musikverein dabei sein zu dürfen. Für einen Kanzler wohl keine besondere Hürde. Was spräche also faktisch gegen einen Besuch? Und wenn etwas faktisch dagegen spricht, gilt das dann nicht für alle - und man muss das Konzert absagen? Ist das Neujahrskonzert eine untragbare Omikrongefahr, die man halt eben noch so durchwinkt, wegen des Tourismus und der Fernsehbilder?

Die Absage ist auch ein (weiteres) schlechtes Signal für die Kultur. Ja, die Mitklatschfreude bei "Live is Life" im ORF-Zentrum mitten im Lockdown war politisch ungeschickt ohne Ende. Jetzt aber ist weder Lockdown, noch ist der "Radetzkymarsch", außer für eine ganz, ganz enge Zielgruppe, ein Moment allergrößter Ausgelassenheit, die in den neiderweckenden Bereich hineinreicht. Das durchaus geschickte Marketing rund um das Neujahrskonzert hat dieses als positives Signal in die Welt hinaus positioniert, auch für die Kulturbranche. Dass das Konzert Anfang 2021 - zwar im leeren Saal, aber doch - stattfinden konnte, hat vielen in der gebeutelten Branche Hoffnung gemacht.

Man hat sie auch noch im Ohr, die aufrüttelnden Worte von Riccardo Muti: "Musik ist wichtig, nicht weil sie Unterhaltung ist. ... Gesundheit ist das Wichtigste, aber auch die Gesundheit des Geistes. Und die Musik hilft. Meine Botschaft an die Gouverneure, Präsidenten und Premierminister überall in jedem Teil der Welt: Betrachten Sie Kultur immer als eines der Hauptelemente, um in Zukunft eine bessere Gesellschaft zu haben." Dass die Regierung es als "falsches Signal" bezeichnet, an einem Konzert teilzunehmen, wird viele nachdenklich stimmen.

Auch, dass die Politik sich offenbar davor so stark sorgen muss, wie ein Konzertbesuch bei der Bevölkerung ankommt, dass man diesen lieber absagt, anstatt zu sagen: Ja, wir kämpfen gegen die Pandemie, gegen Omikron, aber wir kämpfen auch dafür, was das Leben sonst noch ausmacht.

Die Absage hat, natürlich, höchstens symbolischen Charakter - der Kanzler wird nun, wie so gut wie alle anderen Österreicher auch, das Konzert im Fernsehen anhören und nebenbei wohl anderes tun. Aber Symbole sind gerade in schwierigen Zeiten wichtig. Das Neujahrskonzert ist in der Hauptsache ein Symbol für ein bestimmtes, positives Bild von Österreich, eines, in dem die Kultur eine helfende Rolle spielt. Dieses Angebot wurde von der Regierung ausgeschlagen.

 

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